Kurzgeschichte - Fremde

 

"Fremde"

Meine erste veröffentlichte Kurzgeschichte: Erschienen in der Kurzgeschichtenanthologie:

 "Die andere Geschichte - Lesereisen, die aus dem Rahmen fallen" der Autorencommunity "Das andere Buch" 

(http://das-andere-buch.de)

 

Wenn ich diesen Weg jetzt einschlage… Diesen einen. Diesen einzigen. Diesen Einzigartigen. Wenn ich Ja sage. Wenn ich jetzt meine Hand ausstrecke und das berühre und greife, was ich mir ein Leben lang gewünscht habe… Dann wird nichts mehr so sein, wie es war. Nie wieder. Dieser Schritt ist ein Einbahnschritt. Nur in eine Richtung, unwiderruflich. Mein Leben lang habe ich davon geträumt, endlich ist meine Zukunft, meine Vision, zum Greifen nah. Und jetzt zittert meine Hand und verharrt auf halbem Weg.

Ich habe Veränderungen immer geliebt, habe Neues und Fremdes wie ein Schwamm aufgesogen und bin daran, damit und dadurch gewachsen. Wie eine Korallenkolonie, die ihre feinen Fühler und Tentakel in die Strömung hält und nach allem greift, was gerade so vorbeischwimmt und es sich einverleibt. Ich war süchtig nach neuen Erfahrungen. Die Strömung hat mich hin und her geworfen, in die eine oder andere Richtung gebogen. Wankend und schwingend habe ich mich umherwirbeln lassen, doch unter der biegsamen Oberfläche war immer ein hartes Skelett, das unbeugsam in der Flut stand und einen festen Stand in seiner gewohnten Umgebung hatte. Tief verankert im Riff… Meine Welt war geregelt, die Umgebung sicher und verlässlich. Und genau darauf beruhte meine Freiheit und Sorglosigkeit, mich von den Strömungen durchbeuteln zu lassen. Mit den Füßen war ich ja fest im Gestein meiner Heimat verwurzelt.

Und jetzt… Jetzt fühle ich mich, als hätte mich dieser Fremde mit einem Presslufthammer aus meinem Riff gesprengt und weit aufs offene Meer hinaus geschleudert. Mitten hinein in die Fremde. Es ist immer noch dasselbe Meer, das ich so sehr liebe… Aber plötzlich habe ich den Boden unter den Füßen verloren.

Weißt du wie unendlich groß sich das anfühlt?? Wie gigantisch, unbeschreiblich, erdrückend, erschlagend, beängstigend groß das Meer plötzlich ist, wenn du den Fuß vom Fels nimmst und mittendrin bist? Auf einmal bist du völlig schwerelos… Das Meer, das große Unbekannte, von dem du immer ein Teil warst, und von dem du immer gewusst und geträumt hast, dass es noch so viel mehr zu bieten hätte, versucht plötzlich, von dir als Ganzes begriffen zu werden! Diese ungeheure Flut an Möglichkeiten, Chancen und Gefahren lässt mich zwischen Verzweiflung und Verzückung schwanken. Ich fühle mich gleichzeitig unendlich klein und unendlich groß.

Veränderung war immer spannend, immer ein Abenteuer. Aber bin ich bereit für dieses Ausmaß? Für die Verantwortung, die der Schritt mit sich bringt? Weißt du wie erschreckend die vollkommene Freiheit, von der wir alle träumen, aussieht, wenn sie dir von Angesicht zu Angesicht in die Augen schaut?

Ein Fremder betritt mein Leben und hält mir eine Chance vor Augen, von der ich immer geträumt habe. Für die ich aber alles Andere, mein Riff, meine Basis, aufs Spiel setze. Du kannst nicht die sieben Weltmeere durchschwimmen, wenn du die Wurzeln nicht aus dem Heimatfelsen ziehst. Wenn du zurückkommst, wirst du zu groß sein, zu voll an Erfahrungen. Du wirst nie wieder ins alte Riff hineinpassen und dich immer fragen, warum die Anderen immer noch eng zusammengedrängt auf einem Felsen sitzen. Warum sie nicht schwimmen und tauchen, fließen und strömen und warum sie plötzlich eine andere Sprache sprechen als du und das Spiel von Licht und Schatten auf deinem Herzen nicht begreifen können und wollen.

Der Fremde… Das Fremde… Die Fremde… Mir war nie bewusst, wie schnell die Welt sich völlig verändern kann, während alles Eins bleibt und irgendwie sogar noch mehr Eins wird. Wie kann Fremdheit und Vertrautheit sich zu einer so einzigartigen Erfahrung vermengen? Wie kann man sich vor der Verwirklichung seines Traumes fürchten, nur weil man plötzlich begreift, wie unendlich groß dieser Traum ist??

Ängstlich wandern mein Blick und mein Herz zurück zum Riff, das in der Ferne nur mehr ein heller Schimmer unter den Wellen ist. Hinter mir die Vergangenheit. Behütet, beschützt, verträumt. Vor mir das große Blau… die Zukunft: ungeschützt, offen, riskant. Aber auch ehrlich, real, intensiv, unverfälscht: So unglaublich reich an Potential! Während meine Hand immer noch zögert ob sie zupacken soll, packt mich das Fremde plötzlich mit aller Wucht und reißt mich in seine bedingungslose Umarmung. Und ich verstehe endlich:

Auch das Fremde braucht mich. Es braucht jemanden, der es versteht. Der es mit jeder Faser seines Körpers erfährt, aufsaugt, verarbeitet, akzeptiert und liebt, bis es nicht mehr fremd ist. Ich brauche mich vor dem Fremden nicht fürchten, nur weil es groß und einschüchternd ist. Es offenbart sich nur denjenigen, die bereit dafür sind. Und meine Vergangenheit hat immer das einzig wahre Ziel gehabt: mich darauf vorzubereiten. Wege sind schöne Ziele. Aber letztlich kommt auf unendlich viele verschiedene Wege doch immer nur ein einziges, wahres Ziel. Und das ist es, worum es wirklich geht.

Das große Fremde wird mich zu mir selbst führen. Zu meiner Bestimmung, meinem Plan, meiner Aufgabe. Und so verliert es seine Fremdheit und bekommt einen Sinn. Aus Angst und Unsicherheit wird Leidenschaft und ein Feuer, das alle Zweifel aufsaugt und lichterloh verbrennen lässt. Ich stürze mich in die Tiefe, in die Weite, in das Unbekannte, das auf mich wartet. Wohl wissend, dass am Ende dieser Reise kein anderer als ich selbst auf mich wartet um mich endlich ins allumfassende Ganze einzuschließen.

Verzeiht mir, dass ich gehe, aber die Welt ist so groß… Und es gibt so viel zu tun…