Kurzgeschichte - Vollbremsung

-Vollbremsung-

By Samoa Rider

veröffentlicht bei der Autorengruppe - "Das andere Buch"

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So spät ist es gar nicht. Aber die letzten Nächte waren kurz, und ich schlafe in den letzten Wochen schlecht. Viel Arbeit, viel Stress. Bald wird es leichter und ich kann mich wieder auf das wichtige im Leben konzentrieren: Meine Familie, meine Freizeit. Darauf freue ich mich sehr. Vielleicht verreise ich noch einmal kurz. Ich wollte schon immer nach Schottland… Diese Weite, die zerklüfteten Felslandschaften und die blauen Seen, die wie Diamanten in der grünen Landschaft liegen. Ja, Schottland wäre schön. Vielleicht sogar ein kurzer Abstecher nach Stonehedge…

       Ein lautes Geräusch schreckt mich aus meinen Träumen auf, gerade noch reiße ich das Steuer herum und der Gegenverkehr rast wenige Zentimeter an mir vorbei. Mein Herz rast, das war knapp, viel zu knapp. So müde sollte ich gar nicht mehr hinter dem Steuer sitzen. Aber ich möchte nach Hause, ich habe erst letztens im Auto geschlafen und bin wie gerädert aufgewacht. Lieber versuche ich heute noch in mein Bett zu kommen.

            Ich drehe die Musik lauter, singe aus voller Kehle mit, mache mein Fenster weit auf und schüttle fest meinen ganzen Körper durch. Jetzt geht es wieder besser und die Kilometer fliegen vorbei. Runter von der Bundesstraße, vorbei an der letzten Tankstelle, durch das kleine Wäldchen und die lang gezogene Kurve entlang. Die Anspannung lässt nach, der mattrote Schein der Stadt ist bereits an den Wolken zu erkennen. Die Straße ist hier unbeleuchtet, aber ich kenne sie in und auswendig. Ich freue mich auf zuhause und wünsche mich nur noch unter die kuschelige Decke in mein Bett. Die friedliche Finsternis hinter jedem Wimpernschlag wird dunkler und lockender, aber die paar Minuten bringe ich auch noch hinter mich. Und danach wartet der süße Schlaf auf mich. Gleich habe ich es geschafft…

 

 Alles ist grau… Und alles fühlt sich matt und stumpf an. Mein Körper ist leicht und formlos wie Watte. Nur manchmal wechselt sich weiß mit grau ab, manchmal ist mir kalt und manchmal brennt es überall. Dann wird es wieder grau. Die Zeit steht still, Empfindungen und Gedanken rinnen wie Sand durch meine Finger. Ich fühle mich allein. Manchmal glaube ich, Liebe zu spüren. Irgendwo da draußen, weit weg von der formlosen, halb durchsichtigen Welt in der ich schwebe. Aber ich kann mich auch täuschen, so allein mit mir selbst ist es vielleicht nur ein ver(w)irrter Wunschtraum der mich quält. Ich weiß es nicht, ebenso wenig wie ich wirklich weiß, wer hier denkt und verzweifelt versucht zu fühlen und zu verstehen.

 Nur langsam verknüpfen sich Geist und Körper wieder. Farbe stiehlt sich Tropfen für Tropfen zurück auf meine mentale Leinwand. Die Pinselstriche werden feiner und zeichnen erste zarte Konturen in meine zerrissene Erinnerung. Zeit ist nicht wichtig, Farbe zählt. Jedes Puzzlestückchen das aus meinem schmerzenden Kopf purzelt, wird sorgsam betrachtet, befühlt, und Stück für Stück an seinen richtigen Platz gesetzt. Jemand ist dort draußen. Jemand der Worten und Berührung wieder einen Sinn gibt. Jemand der meinem Körper wieder zeigt, wie man fühlt. Warme Hände streicheln meine Arme, mein Gesicht, meine Brust. Sie spielen mit meinen Haaren und bewegen meine Hände und Finger. Und langsam fange ich wieder an mich selbst zu erfahren und zu spüren. Zentimeter für Zentimeter entdecke ich mich selbst wieder. Ich mag es, wenn diese Hände die Stelle zwischen meinen Augenbrauen (lange habe ich nach diesem Wort gesucht, und ich kann nicht beschreiben wie ich mich gefreut habe, als ich es endlich im mentalen Gerümpel gefunden habe) streicheln und die Konturen meiner Ohren nachzeichnen. Sind die Hände weg, versinke ich wieder in der Wattewelt. Wenigstens drängen sich mittlerweile immer mehr Pastelltöne zwischen die grauen Wolken.

 Ich werde mich immer daran erinnern, das erst Mal wieder etwas zu schmecken. Dieser Tropfen Zitronensaft reißt mich wie aus der Tiefe des Meeres. Es ist eine Explosion, die ich im ganzen Körper spüre, schmecke und rieche. In meinen Fingerspitzen kribbelt es, kalte und warme Schauer laufen über meine Wirbelsäule und machen mich wacher denn je. Und ich habe Gelb wieder. Sattes, leuchtendes Gelb. Die erste Farbe, die auch wieder einen Namen hat. Scheinbar spürt es die Person, die auch meinem Körper wieder Kontur gibt. In der nächsten Zeit kriege ich immer mehr Farben wieder. Ein Tropfen Rotwein und Erdbeeren schenken mir Rot. Avocado und Kiwi geben mir Grün zurück. Mit sportlichem Parfum zaubert sie Blau wieder in meine Welt. Immer nur ein Tropfen oder ein winziges Stückchen. Schlucken kann ich nicht richtig, aber ich weiß, dass ich Geschmack nie wieder so intensiv erleben werde, und bin dankbar. Er erfüllt jeden Zentimeter meiner seltsamen Welt und zieht mich weiter nach oben, zurück in die Realität.

            Nach den Gerüchen kommen die Geräusche. Langsam kann ich Stimmen unterscheiden, das bleibt nicht unbemerkt und ich kriege das größte Geschenk: Musik. Zuerst leise und beruhigend, aber doch präsent und kraftvoll. Die Töne und Melodien spannen Netze um mich und zerren mich weiter nach oben. Sie zupfen an meinen Armen und Beinen, beschleunigen meinen Puls, erfüllen mein Herz. Und sie nehmen etwas von der Einsamkeit von mir, die mich hier fast erstickt. Die Unendlichkeit wird wieder in kleine Stücke geteilt und mein Zeitempfinden kehrt zurück. Ich beschließe, irgendwann die Augen zu öffnen. Aber noch nicht… Noch brauche ich Zeit, meine Welt zu sortieren und mich selbst darin wieder einzuordnen.

            Hollywood. Dieses Wort, dieser Abstrakte Gedanke, sprengen meine vorsichtig tastende Vorstellungskraft beinahe, als ich tatsächlich irgendwann inmitten der verwirrenden Tage und Nächte warme, weiche Lippen auf meinen spüre. Das kommt so unerwartet, dass mir die Tränen kommen. Sie werden weggeküsst und mein Geist macht einen gewaltigen Sprung nach vorne, durchbricht die Oberfläche, und befiehlt meinen Augen, sich zu öffnen. Mein Herz rast, meine Hände schließen sich das erste Mal selbständig und grelles Licht erfüllt plötzlich meinen Kopf. Der Schmerz ist fast unerträglich, aber ebenso willkommen, da er real ist. Dieser Schmerz ist aus der wahren Welt, nicht aus der Wattewelt. Ein Gesicht schiebt sich vor die Lichtquelle und ich versuche mit aller Kraft, dieses Wesen zu fokussieren, zu erkennen, und zuzuordnen. Aber die Reizüberflutung ist zu groß und plötzliche Erschöpfung reißt mich zurück in die Tiefe und lässt mich verwirrt und einsam zurück, bis graue Schwere mich umfängt und erlöst.

            Als mein Bewusstsein das nächste Mal Form annimmt, ist die Erinnerung daran fast überwältigend, dass ich schon einmal die Augen geöffnet habe. Ich war der Welt schon so nahe… Das Licht, das durch meine geschlossenen Lieder sickert, ist matt. Und ich denke, dass ich alleine bin. Diesmal lasse ich mir Zeit, kämpfe mich Millimeter für Millimeter zurück in die Realität. Selbst das matte Licht ist schmerzhaft für meine müden Augen und es dauert lange, bis ich erste Formen erkennen kann. Ich weis nicht wie viele Stunden ich damit verbringe die Augen zu schließen und zu öffnen. Die Welt um mich wird dunkler und es fällt mir immer leichter. Der Zauber dieses Abends ist überwältigend. Ich freue mich über jedes Detail. Ein einfacher Tisch in der rechten Ecke unter dem Fenster, ein Stuhl mit einer Decke über der Lehne, frische Blumen auf der Fensterbank. Die Fensterläden sind geschlossen, der Blick nach draußen bleibt mir verwehrt. Aber das ist egal, dieses Zimmer ist in diesem Moment ein unendliches Universum voller Wunder. Und jedes einzelne möchte entdeckt und bestaunt werden. Die Bilder mit der kitschigen Meerlandschaft sind zum Weinen schön, das Blumenmuster auf den Vorhängen fesselt mich stundenlang. Ich denke nicht drüber nach warum ich hier liege. Und wie lang noch. Und was mich erwarten wird wenn ich versuche mich zu bewegen, oder was mich am nächsten Morgen erwarten wird. Ich lebe. Und ich sauge jeden Eindruck und jedes Gefühl auf wie ein Schwamm. Und speichere es in den Tiefen meines Herzens. Das erste Mal umfängt mich der Schlaf in wohliger Leichtigkeit, und nicht in dumpfer Ohnmacht.

 Ab jetzt geht alles schneller. Mein Bewusstsein hat den Kampf gewonnen und die Wattewelt hinter sich gelassen. Nun kommt die Flucht nach vorne. Die Flucht in eine Welt voller Farbe, Form und Geräuschen. Mittlerweile kenne ich meinen Arzt. Ein nervöser, untersetzter Typ der meistens mit den Gedanken schon ganz wo anders ist. Er versucht sein Bestes, fachlich sicherlich Top, aber mit Menschen kann er irgendwie nicht umgehen. Egal. Er hat mir wenigstens in klaren Worten vermittelt warum ich hier bin. Kein drum herum Gerede, sachlich und professionell. Sekundenschlaf, von der Strasse abgekommen, in der Wiese überschlagen und in den Wald hineingeschleudert. Das Auto Totalschaden, der Fahrer ebenso. Seit über einem Monat bin ich hier. Sie haben mir Photos gezeigt und einen Spiegel vorgehalten. Die Narben werden verblassen sagen sie. Sie sind mir egal. Ich habe beide Augen, meine Lippen und meinen Mund, meine Nase und meine Ohren noch. Also alles was in ein Gesicht hinein muss. Es ist mir egal ob der Lack Kratzer hat.

Mein linker Arm ist mehrfach gebrochen, aber die Op ist schon 3 Wochen her und ich habe keine Schmerzen. Auch das ist egal, er ist noch dran und ich habe noch alle Finger und überall Gefühl. Die Physiotherapeutin ist ein unscheinbares, nettes Mädel, das sich um all diese Dinge hingebungsvoll kümmert. Sie redet nicht viel, aber sie hat sensible, kräftige Hände. Die blauen Flecken und Prellungen sind beinahe verheilt, nur wenige zartolivgrüne Streifen ziehen sich noch über meinen Brustkorb, der manchmal brennt wenn ich zu tief einatme. Egal, ich kann atmen. Soweit zur oberen Hälfte.

Als der Arzt endlich Klartext über meine Beine redet, ist sie dabei. Sie, die mich während meiner Gefangenschaft in der Wattewelt Stück für Stück zurückgeholt hat. Sie, die mir Farbe, Geschmack und Musik geschenkt hat. Sie, die mich wachgeküsst hat aus meinem traumlosen Schlaf. Auch wenn ich mich nur schemenhaft erinnere, auch wenn ich sie jetzt erst das erste Mal gesehen hätte, ich hätte mich wieder in sie verliebt. Sie hält meine Hand, legt ihre Rechte auf meinen Oberschenkel und drückt zu. Zumindest sehe ich, dass sie die Hand schliesst. Als er das Wort Lähmung das erste Mal benutzt, krallt sie sich so sehr in mein Bein, dass ihre Knöchel weiß hervortreten. Ich spüre nichts. Sie blickt mir tief in die Augen. Tapfer, stark, wortlos. Ich nicke und mehr braucht im Moment nicht gesagt werden. Ja, ich habe es verstanden, nein ich habe keine Fragen. Vorerst nicht. Schon eilt er weiter zum nächsten armen Krüppel. Vielleicht zu jemandem, der noch nicht wachgeküsst wurde.

Am nächsten Morgen kommt das leibhaftige Glück etwa auf Höhe meines Bettes ins Zimmer geschossen. Sie springt auf mein Bett, wirft sich mir um den Hals und… lacht. Sie lacht und weint und freut sich. Ich bin wortlos und presse sie an mich. Ja ich erinnere mich… Stück für Stück. Sie hat mir die Miniaturausgabe eines Rollstuhls mitgebracht: „Hier Papa, zum Üben. Mama sagt an so etwas muss man sich erst gewöhnen, also kannst du gleich damit anfangen.“ Und sie strahlt, also strahle ich zurück und schiebe das winzige Ding demonstrativ über die weißen Laken. Rollstuhl… Sie, meine Märchenheldin, steht in der Türe und weint lautlose Tränen. Ich weiß um die Bedeutung jeder Einzelnen, aber ihr Lächeln hält sie aufrecht. Wir sind ein Team. Auch ohne meinen rechten Fuß. Auch mit monatelanger Reha. Auch im Rollstuhl… Rollstuhl!

Im ersten Moment erschreckt mich der Gedanke, ich bin einmal für 5 Minuten nach einer Routine-OP in so einem schrecklichen Ding gesessen, um aus dem OP-Saal geschoben zu werden. Grässlich, diese Hilflosigkeit, diese Angewiesenheit auf die Hilfe anderer. Rollstuhlfahrer. Rollstuhlrampe. Rollstuhlfahrerparkplatz…

Andererseits… Es gibt Rollstuhlrugby. Und Rollstuhltanz. Und es gibt Hoffnung. Ich habe Farbe wieder gefunden, ich habe Geschmack wieder gefunden, ich habe Musik wieder gefunden. Ich habe mich aus der Wattewelt gekämpft und wieder in die Welt der Lebenden gefunden. Und Sie, meine Ritterin in der goldenen Rüstung hat mir die Brotkrumen auf den Weg gestreut. Die Engel hatten ihre Absichten, als sie mich lebend aus diesem Wrack geholt haben und mich sicher in der Wattewelt geborgen haben, bis ich wieder stark genug für die wahre Welt war. Sie werden mich jetzt nicht untergehen lassen. Ja es gibt Hoffnung… Und obwohl es noch etwas weh tut, muss ich lachen, bis ich meine beiden Heldinnen damit angesteckt habe und das Zimmer von Freude und Kampfgeist erfüllt ist.

 

Und für dieses Gefühl lohnt es sich, zu leben!