Leseprobe 1 - Der Anfang

 

Neubeginn

 

In einem Schwall von Luftblasen durchbrach Ginger die glitzernde Wasseroberfläche, streckte weit den Kopf aus dem Wasser und blickte sich suchend um. Plötzlich blieb die Zeit stehen ... Sie wusste, dass etwas falsch war, so falsch, dass es einfach nicht wahr sein durfte. Hektisch kletterte sie auf den kleinen Steg, wischte sich triefend die glitzernden Tropfen aus den weit aufgerissenen Augen und suchte verzweifelt die Wasseroberfläche ab.

Natürlich konnte Tess lange den Atem anhalten, sie hatten sich oft genug gegenseitig darin auf die Probe gestellt. Aber dieses Gefühl - dieses grässliche Gefühl von Angst, das ihr Herz in eisigen Klauen hielt, war ihr nur allzu bekannt. Genau wie damals, als Tess als Achtjährige aus der riesigen Kiefer im Garten gefallen war und Ginger in kindlicher Verzweiflung aufgeschrien hatte, als würde sie selbst gerade durch das Geäst brechen. Sie hatte erst aufgehört zu toben, als sie einen hellblauen Verband um den linken Arm bekommen hatte, der genauso aussah wie Tess’ Gips. Seit diesem Tag wusste sie sofort, wenn etwas nicht stimmte. So wie jetzt!

Sie versuchte, sich zu konzentrieren: Tess war nur Sekunden vor ihr ins Wasser gesprungen. Ginger hatte wie immer erwartet, dass sie so weit wie möglich tauchen würde, um mit einem triumphierenden Grinsen vor ihr wieder zu erscheinen. Sie ließ ihr fast jedes Mal diesen Sieg, auch wenn sie sie leicht hätte schlagen können. Genau das war jedoch nicht passiert und jetzt arbeiteten all ihre Sinne auf Hochtouren, um Tess zu finden.

Die Wasseroberfläche lag sanft glitzernd und beinahe unbewegt vor ihr, die warmen Sonnenstrahlen und der tiefblaue Himmel schienen sie zu verhöhnen. Alles schien so unschuldig und ruhig.

`Verdammt! Viel zu ruhig!`.

Nackte Angst packte sie und sie begann, sich immer hektischer umzusehen. Ihre Finger trommelten nervös auf ihren Oberschenkel und ihr Herz schlug so heftig in ihrer Brust, dass es laut in ihrem Kopf widerhallte. Das durfte nicht geschehen, das Schicksal konnte einfach nicht so grausam sein ... Nicht auch noch Tess! Noch einmal konzentrierte sie sich und schloss die Augen: „Wo bist du?“ Die Frage hallte laut in ihrem Kopf wider. Fast gleichzeitig bemerkte sie die leichten Wellen, die sich vom Steg her ausbreiteten. Die ganze Zeit schon … Natürlich, der Steg!

Mit einem Satz war sie im Wasser und mit einem kräftigen Zug ihrer Arme schoss sie unter die massiven Holzbalken. Sofort sah sie Tess verschwommen vor sich im klaren Wasser. Ihre Arme sanken leblos und wie in Zeitlupe an ihrem Körper hinunter, der nur einen Meter unter der Wasseroberfläche pendelte und gerade begann zusammenzusacken. Der Anblick schnürte Ginger die Kehle zu, während ihr Herz einen schmerzhaften Schlag lang aussetzte.

`Wie grausam, sie musste die Oberfläche die ganze Zeit vor Augen gehabt haben`, dachte sie. Tess bewegte sich kaum, als Ginger ihre Arme um ihre Taille schlang, um sie an die rettende Luft zu bringen. Sie hing fest …

Von einer plötzlichen Ruhe und Klarheit übermannt tauchte Ginger direkt neben dem Steg wieder auf. Das schaffte sie nicht, wenn ihr die Luft ausging, und mit bloßen Händen sowieso nicht. Sie zog sich halb auf die dunklen Bretter und sog gierig die klare Luft in ihre Lungen, bis sie glaubte zu platzen. Gleichzeitig fingerte sie ihr heißgeliebtes Taschenmesser aus der Hosentasche ihrer Jeans, die mit den anderen Klamotten achtlos auf dem Steg herum lag. Gestärkt tauchte sie erneut ab und griff diesmal direkt nach Tess’ Füßen. Der linke hatte sich verheddert. Ein prickelndes Triumphgefühl durchflutete Ginger, als sie die tödliche Falle als nichts weiter als ein grobes Fischernetz erkannte, das der scharfen Klinge keinerlei Widerstand bot. Die reißenden Fasern klangen unter Wasser unheimlich laut und verzerrt.

Während sie sich selbst und ihre unnatürliche Ruhe wie aus weiter Ferne wahrnahm und sich über ihre eigene Emotionslosigkeit wunderte, lief ein eisiger Schauer über ihren Rücken. Sie hatte keine Zeit für Panik, Tess durfte keine Sekunde länger unter Wasser bleiben. Obwohl ihr Treiben am Grund des Sees mittlerweile soviel Schlamm aufgewühlt hatte, dass es ihr fast die Sicht nahm, schaffte sie es, Tess’ Fuß aus der Schlinge zu schneiden. Sofort packte sie den leblosen Körper und zog ihn mit kräftigen Zügen an die Oberfläche.

Seit Tess in den See gesprungen war, waren sicher nicht mehr als ein bis zwei Minuten vergangen, Ginger kam es jedoch vor wie eine quälende Ewigkeit. Zitternd und mit all ihrer Kraft schleppte sie den schlaffen Körper die flache Uferböschung neben dem Steg hinauf und drehte ihn auf die Seite, damit das Wasser aus ihrem Mund fließen konnte. Sie versuchte keuchend, wieder zu Atem zu kommen und starrte fassungslos auf Tess hinab.

Als deren Augen kaum merkbar flackerten, erwachte Ginger aus ihrer emotionslosen Starre und begann verzweifelt, ihr Gesicht zu streicheln. Sie lebte, aber was sollte sie jetzt tun? Gingers Puls raste, sie war plötzlich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Sekunden verrannen viel zu schnell ...

Atmen … Sie musste atmen! Also legte sie Tess wieder auf den Rücken, überstreckte ihren Kopf und legte zaghaft die Lippen auf die ihren. Sie begann vorsichtig, in ihren eiskalten Mund hineinzuatmen. Atme …“, flüsterte sie tonlos.

Sie merkte, dass gar nichts geschah und versuchte es ein weiteres Mal kräftiger. Die ganze Zeit kämpfte sie mit aller Macht gegen die bleischwere Dunkelheit an, die von Tess langsam auf sie übergriff.

Atme verdammt!“

Zu ihrer Erleichterung hob ihr Brustkorb sich diesmal leicht. Sie spendete ihr ein zweites Mal Atem, diesmal noch kräftiger. Und ein drittes Mal. Dann erst kamen ihre rasenden Gedanken auf die Idee, ihren Puls zu messen. Tess’ Handgelenk fühlte sich so kalt und schlapp an, dass Ginger eine Gänsehaut bekam. Sie fühlte gar nichts …

Dann versuchte sie es an ihrem Hals. Zwei Sekunden, drei Sekunden, sie betete und konzentrierte sich darauf, das Hämmern ihres eigenen Herzes auszublenden. Da war er! Schwach, aber eindeutig ein Puls. Am liebsten hätte sie einen Freudenschrei ausgestoßen. Aber sie wäre nicht Ginger, wenn sie das getan hätte. Schweigend genoss sie das erleichterte Kribbeln, das sich unter ihrer Haut ausdehnte.

Nachdem sie Tess zwei weitere Male beatmet hatte, spürte sie, wie endlich ein Zittern durch den zerbrechlichen Körper lief. Dann kam der erste zögerliche Atemzug. Wartend und betend kniete Ginger unschlüssig neben ihr, streichelte behutsam ihre Wange und starrte hoffnungsvoll auf ihren Brustkorb, der sich langsam hob und senkte. Zum Glück brannte die Sonne heiß vom Himmel, trocknete und wärmte Tess’ Körper. Trotzdem sah sie sich bereits nach den Handtüchern um, die am Steg lagen.

Hey Süße, hörst du mich? Bleib ganz ruhig und konzentriere dich aufs Atmen. Ganz ruhig, es ist alles ok, ich bin bei dir ...“

Es verging eine Ewigkeit, zumindest nach Gingers Gefühl. Tess atmete zwar, aber so flach, dass Ginger mit dem Gedanken spielte, sie weiter zu beatmen. Plötzlich lief ein Ruck durch ihren Körper und sie rollte sich auf die Seite. Nach dem ersten tiefen Atemzug folgte ein schrecklich anzusehender Husten- und Würgeanfall. Ginger sah hilflos zu, streichelte vorsichtig Tess’ Rücken und hielt sie fest. Wieder vergingen schier endlose Sekunden, bis sie sich schließlich wieder auf den Rücken drehte und mit tränenver-schwommenen Augen zu Ginger aufsah.

Sag noch nichts, beruhige dich erstmal, es ist alles ok“, flüsterte Ginger, als sie Tess’ Kopf auf ihren Schoß bettete und ihr zärtlich die blonden Strähnen aus dem Gesicht strich. Auch die widerspenstige rote Strähne, die sie so einzigartig machte und wie immer am hartnäckigsten an ihrer Wange klebte. Nach einer endlos erscheinenden Weile klärte sich Tess’ Blick.

Ich wollte dich doch nur ärgern. Ein bisschen erschrecken, dass ich nicht vor dir auftauche.“

Na, das hast du geschafft. Nicht nur ein bisschen, meine Liebe.“ Ginger bemühte sich, vorwurfsvoll zu klingen, musste dabei aber vor Erleichterung so sehr schmunzeln, dass Tess auch ein erstes missglücktes Grinsen versuchte.

Nach einer weiteren Minute des Schweigens murmelte Tess verlegen: „Ich bin gleich unter den Steg getaucht und wollte mich verstecken. Da bin ich mit dem Fuß irgendwie in das Netz gekommen. Zuerst dachte ich, dass ich da gleich wieder rauskomme. Ich hab das gar nicht ernst genommen, ich wollte langsam auftauchen und mal abwarten, was du tust … Naja, das mit dem Auftauchen hat dann ja leider nicht mehr geklappt. Ich hab so sehr gehofft, dass du mich spürst und findest. Ich glaube, ich hab dich sogar noch gesehen, wie du vom Steg gesprungen bist. Dann …“ Sie stockte und blickte schuldbewusst auf ihre zitternden Hände, als hätte sie ein schlechtes Gewissen.

Natürlich hab ich mich erschrocken. Aber ich hab dich ja dank deiner Hilfe gleich gefunden. Dann hab ich deinen Fuß aus der Schlinge geschnitten und dich rausgezogen. Mann, bin ich froh, dass ich immer mein Messer dabei habe. Mach dir keine Gedanken, es war ja keine Absicht von dir, dich da drin zu verheddern. Ist ja nochmal alles gut gegangen. Aber du schuldest mir ein neues Taschenmesser, meines steckt nämlich jetzt irgendwo im Schlamm.“

Obwohl sie versuchte scherzhaft zu klingen, fuhren ihr nun nachträglich und umso heftiger der Schrecken und die Angst in die Glieder. Sie war froh, dass Tess die Augen wieder geschlossen hatte, so dass sie die Tränen nicht sah, die lautlos über ihre Wangen liefen. Ansonsten würde sie es wohl auf die nassen Haare schieben, die ihr zerzaust in die Stirn hingen.

Dann stand Ginger auf, holte die großen, flauschigen Handtücher und wickelte sich zusammen mit Tess fest darin ein. So saßen sie noch eine Weile am Wasser und ließen sich von der Sonne wärmen. Sie mussten nicht viel reden, um zu wissen, was in der anderen vorging ...
Auch der Rest des Tages gestaltete sich ruhig, da Tess sich vehement weigerte, in ein Krankenhaus zu fahren, um sich untersuchen zu lassen. So verdonnerte Ginger sie schlichtweg dazu, Tee zu trinken und sich ruhig zu halten. Sie machte Essen und zwang Tess, sich dick eingepackt im Zelt hinzulegen. Dabei beobachtete sie aufmerksam jeden Blick und jede Bewegung der Anderen und versuchte, sich in sie hineinzufühlen. Sie verfluchte sich insgeheim dafür, dass sie keine Ahnung hatte, was alles nach so einem Unfall mit ihr passieren konnte.n

Als sie abends in ihren Schlafsäcken lagen, nahm Tess vorsichtig Gingers Hand, schmiegte ihr Gesicht an ihre Schulter und murmelte leise ein letztes „Danke“, bevor sie in die Tiefen des Schlafes davonglitt ...
Ginger lag noch ein Weilchen wach, horchte auf das Säuseln und Knacken der letzten Glut im Lagerfeuer und auf das beruhigende Rauschen des Waldes. Sie genoss das schwache Licht des Mondes, das sich durch einen zarten Dunstschleier kämpfte. In diesem Licht, das die Welt in einen unwirklichen, bläulichen Schimmer tauchte, schielte sie ein letztes Mal zu Tess hinüber und strich zärtlich, als berühre sie etwas sehr Zerbrechliches, mit dem Daumen über ihren Handrücken.

„Ich würde niemals zulassen, dass dir etwas passiert …“, flüsterte sie und schloss ebenfalls endlich die Augen.

 

 

Vorahnungen

 

Der nächste Morgen begann wie die letzten drei in diesem wundervollen, abgeschiedenen Tal. Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das Fliegennetz vor dem Zelteingang und zeichneten verschwommene Muster auf ihre blauen Schlafsäcke. Das lautstarke Gezwitscher der Vögel war bereits auf seinem Höhepunkt angekommen und in einiger Entfernung hörte man aus dem einzigen anderen Zelt das geschäftige Treiben des jungen Paares, das immer frühmorgens mit prall gefüllten Rucksäcken aufbrach, um die Gegend zu erkunden, nur um dann spät abends völlig erschöpft heimzukommen und sofort wieder in die Schlafsäcke zu kriechen.

Ginger vermutete schmunzelnd, dass die beiden wohl miteinander die Abenteuerlust neu entdeckt hatten, aber beide keinerlei Erfahrung mitbrachten. Irgendwie waren sie trotzdem süß zu beobachten. So unschuldig und mit der kindlichen Neugier von Großstädtern, die das erste Mal einen anständigen Ameisenhaufen oder einen wilden Waschbären sehen. Und davon gab es hier überraschend viele.

Den Trick, alles Essbare und Interessante mit einem langen, dünnen Seil an einen Ast zu hängen, so dass die kleinen Banditen es weder von unten noch von oben erreichen konnten, hatte sich das Paar gleich am zweiten Tag abgeschaut, nachdem ihr Vorzelt von einer hungrigen und äußerst neugierigen Waschbärenfamilie gründlich auf den Kopf gestellt worden war. Als angenehmer Nebeneffekt unterbrach diese Maßnahme auch die Ameisenstraße, die bereits am ersten Tag mitten durch das Zelt der beiden entstanden war.

Als auch Tess sich regte, richtete Ginger sich vollends auf, streckte sich und gähnte herzhaft. Guten Morgen Welt.“, flüsterte sie kaum hörbar. Dabei dachte sie an ihre Mutter, die ihnen als Kindern erklärt hatte, man solle immer lieb und respektvoll zur Mutter Erde sein und auch sie jeden Tag begrüßen. Über Tess’ Gesicht huschte dasselbe wissende Lächeln. Jeden Morgen teilten sie diesen kurzen, schweigsamen Moment, bevor sie aufstanden. Sie waren beide keine Langschläfer und somit lag ein langer, herrlich sonniger Tag vor ihnen. Als wichtigstes Ereignis visierten die beiden zuerst mal das Frühstück an.

Routiniert entfachte Ginger aus der wenigen Glut des Vorabends ein neues Feuer, während Tess in ihrem alten verbeulten Kessel Pfefferminztee aufsetzte. Die lodernden Flammen wirkten in der strahlenden Morgensonne fast durchsichtig und Ginger setzte sich fasziniert an das Feuer, um sie zu betrachten. Wie an den meisten Morgen gab es das knusprige Fladenbrot, das sie am Vorabend auf den heißen Steinen des Lagerfeuers gebacken hatten sowie Käse und Speck.

Das Brot schmeckte wohl mehr fad und nach Ruß, für die beiden bedeutete dieser Geschmack aber Abenteuer und Heimat. Da es Herbst war, waren auch die ersten Beeren reif und lieferten eine willkommene, süße Abwechslung.

Bis auf ein gelegentliches Husten und Räuspern schien Tess sich völlig erholt zu haben. Sie hatte auch ihre unerschütterliche Lebensfreude wieder und zeigte Ginger wie immer jeden Vogel und jedes Insekt, das sie als spannend genug erachtete, um dafür Gingers belustigtes Kopfschütteln zu ernten. Entgegen Gingers Einwänden wollte sie auch nach dem Frühstück sofort wieder schwimmen gehen. Die Luft war erfrischend klar, aber nicht kalt und so ging Ginger zumindest mit zum See.

Unschuldiges Miststück“, raunte Ginger, als sie unter der großen Kiefer vor ihrem Zeltplatz hindurchtrat und den idyllischen See vor sich liegen sah. Das strahlende Blau des wolkenlosen Himmels und die steilen Felswände am anderen Ende des Sees spiegelten sich in brillanten Farben auf der unberührten Wasseroberfläche. Die Blätter der wenigen Laubbäume hatten sich bereits in herrlichen Rot- und Orangetönen verfärbt und die Lärchen leuchteten feurig hervor. Das Farbenspiel raubte den beiden immer wieder den Atem.

Tess konnte von diesem Anblick gar nicht genug bekommen und versuchte schon wieder verzweifelt, den Eindruck mit ihrer Kamera festzuhalten, was ihr natürlich nicht annähernd gelang. Für Ginger war diese friedliche Idylle der blanke Hohn, nach dem, was gestern passiert oder besser, beinahe passiert war. Ihr war auch nicht zum Schwimmen zumute, aber sie wollte Tess gerade jetzt nicht alleine lassen. Nachdem diese sich nach Herzenslust ausgetobt hatte, als hätte es den gestrigen Tag nie gegeben - manchmal wünschte sich Ginger von Herzen, diese Unbeschwertheit teilen zu können - setzte sie sich zu ihr auf den Steg und ließ ihren jugendlichen Körper von der Sonne trocknen.

Ginger beobachtete den See aufmerksam. Er war weit nicht mehr so klar wie gestern. Dabei war sie sich sicher, dass sie durch ihre Verzweiflungstat unter Wasser gar nicht so viel Schlamm aufgewühlt haben konnte, um den ganzen See zu trüben. Außerdem war das Wetter unverändert schön geblieben. Je genauer sie das Wasser betrachtete, desto sicherer war sie, dass diese Trübung nichts mit Schlamm zu tun haben konnte. Es war vielmehr eine Dunkelheit, als würde die Sonne einfach die Wasseroberfläche nicht mehr durchdringen. Keine Abwesenheit von Licht, sondern die Präsenz von Dunkelheit, die irgendetwas nicht enthüllen wollte, etwas Finsteres, Unheimliches - das sie lockte und nach ihr begehrte …

Nun schau doch, in der Farbe hab ich den noch nie gesehen. Ginger, schau doch!“ Aufgeregt rüttelte Tess an ihrem Arm und deutete voller Begeisterung auf einen dicken, rot schillernden Käfer mit gelben Punkten an der Seite, der bedächtig einen Schilfhalm hinaufkletterte.

Benommen schüttelte Ginger den Kopf und rieb sich die Augen, um den grauen Schleier zu vertreiben, der ihren Blick getrübt hatte. `Was zum Teufel war das denn gewesen?` Ihr Puls raste und sie musste nach Luft schnappen, als hätte sie in dieser unwirklich anmutenden kleinen Ewigkeit vergessen zu atmen. Sie musste wohl den Schock von gestern schlechter verdaut haben, als sie gedacht hatte, anders konnte sie sich diesen düsteren Moment nicht erklären.
Zu ihrer Erleichterung war Tess mittlerweile aufgestanden, um den Käfer alleine näher zu betrachten, nachdem Ginger nicht wirklich auf ihre Begeisterung reagiert hatte. So bekam diese wenigstens nicht mit, wie sehr Ginger damit kämpfte, die Fassung wieder zu erlangen. Mühsam rappelte sie sich schließlich auf, schüttelte das komische Gefühl ab und ging ihr auf zittrigen Beinen nach.

Fass ihn lieber nicht an, ich glaube das ist eine Wan ...“, wollte sie Tess noch warnen. In ihrem Entdeckerwahn hatte diese jedoch bereits die Hände ausgestreckt, um den vermeintlichen Käfer auf ihre Hand zu lotsen.

Warum, er tut mir doch nichts.“, meinte sie unschuldig und streckte Ginger mit einem breiten Grinsen die Hand mit der Wanze hin.

Genau, und jetzt riech mal an deinen Fingern!“, kicherte diese.

Oh ...“, war das Einzige, das Tess mit angewidertem Gesicht von sich gab, bevor sie den Übeltäter von ihrer Hand schüttelte, um sich sofort die Hände im See zu waschen.

Während sie da in der Morgensonne kniete und die Hände aneinander rieb, um den üblen Gestank loszuwerden, wurde Ginger plötzlich erneut von einem mächtigen, schrecklichen Gefühl übermannt. Ihr Blickfeld verdunkelte sich und etwas Riesiges, unbeschreiblich Bedrohliches stob unter Wasser in einer Wolke aus Finsternis heran. Sie musste zu Tess, um sie von diesem teuflischen Ding fort zu holen.

Gerade setzte sie zu einem waghalsigen Sprung die Böschung hinunter an, um Tess aus den Fängen des sprichwörtlichen Bösen zu reißen, als diese sich geschmeidig aufrichtete und mit einem strahlenden Lächeln umdrehte.

Dieser garstige kleine ...“ Mitten im Satz blieben ihr die Worte im Halse stecken, als sie Gingers Gesichtsausdruck sah. Was sie darin sah, musste ihr einen gehörigen Schrecken einjagen, denn sie verstummte augenblicklich, riss die Augen auf und wurde blass.

Was … was hast du?“, stammelte sie.

Zum Glück war Ginger nicht losgesprintet. Sie ließ sich keuchend auf die Knie sinken und presste die Handballen fest auf ihre Augen. Dann blinzelte sie vorsichtig zwischen ihren Händen hervor, um sich ein weiteres Mal davon zu überzeugen, dass sie sich alles nur eingebildet hatte.

Mein Gott, du bist ja völlig verstört …“, murmelte Tess, als sie neben ihr war und die Arme fest um sie schlang. Sie spürte den hämmernden Herzschlag, als wäre es ihr eigener. Nach mindestens einer weiteren Minute, in der Ginger zu sehr mit Atmen beschäftigt war, um zu reden, brachte sie schließlich hervor:

Es ist alles ok, ich hab mir nur was eingebildet. Ich denke mal, dass deine kleine Zirkusnummer von gestern mir doch noch in den Knochen steckt.“

Sie stupste Tess scherzhaft mit der Schulter an und befreite sich schließlich aus ihrer Umarmung, um unter ihrem kritischem Blick zitternd aufzustehen. Das musste sie erst mal verdauen. `Vielleicht hätte ich gestern Abend auch nicht so viel Rum in meinen Tee schütten dürfen`, überlegte sie.

Sie entschuldigte sich bei der besorgten Tess mit der Ausrede, dass ihr der gestrige Tag noch zu sehr nachhing und gab sich erst mal ihrer Leidenschaft hin: dem Laufen. Die Musik aus den Kopfhörern dröhnte beruhigend durch ihren Körper und die monotone Bewegung auf dem weichen Boden, der durch die dicke Schicht aus Nadeln fast alle Geräusche dämpfte, wirkte fast hypnotisierend. Tief atmete sie die würzige Waldluft ein und versuchte, die düsteren Gedanken zu verscheuchen, die immer wieder durch ihren Kopf geisterten.

Sie lief und lief, bis ihre Lunge brannte und ihre Beine zitterten. Langsam ging sie die letzten 50 Meter zum Zelt zurück. Dort angekommen dehnte und streckte sie sich, bis sie vollkommen gelockert war und sich ein angenehmes Ziehen in ihrem Körper ausdehnte. Sie liebte dieses Gefühl, das ihr bestätigte, dass sie ihm genau das gegeben hatte, wonach er verlangt hatte.

Tess hatte inzwischen die Kartoffeln für den Eintopf geschält und die Handvoll wilder Pilze geschnitten, die sie am gestrigen Vormittag gesammelt hatten. Sie grinste Ginger forschend an, als diese eine Wasserflasche aus der Kühlbox fischte und meinte nur: „Na, wieder klar im Kopf?“ Nachdem Ginger die halbe Flasche in einem Zug geleert hatte, antwortete sie, indem sie den Rest ganz einfach über Tess’ Kopf entleerte. Diese ließ sich nicht zweimal bitten und warf eine Kartoffel nach ihr. Sofort waren beide auf den Beinen und jagten sich lachend durch den Wald. Nachdem sie ein paar Minuten ausgelassen herumgetobt hatten und sich die merkwürdige Stimmung endgültig verabschiedet hatte, schlenderten sie zurück zum Zelt und warfen das Gemüse in den Topf. Wie zumeist verlief das Essen größtenteils schweigend. Sie hatten nie besonders viel zu reden, sie verstanden sich zu gut ohne Worte. Außerdem genossen beide die Ruhe hier oben, weit weg von der Welt, vor der sie geflüchtet waren.

Die warme Luft war erfüllt vom Gezwitscher der Vögel und das sanfte Spiel der Sonnenstrahlen, die durch das üppige Laubdach über ihnen auf den dunklen Boden fielen, machte die beiden müde und träumerisch. Der Nachmittag verging friedlich und faul. Sie unternahmen eine gemütliche Wanderung durch den lichten Wald, bis sie an die steilen Felswände kamen, die das Tal im Halbkreis einrahmten und zu einer majestätischen Bergkette gehörten, in der sie später einige Wander- und Kletterrouten probieren wollten. Die schneebedeckten Gipfel strahlten auf sie herab und hoben sich grell vom tiefblauen Himmel ab.

Als sie zurückkamen, stand die Sonne bereits tief. Die Luft wurde deutlich kühler und vermittelte eine erste Ahnung des nahenden Winters. Wenn Tess die Augen schloss, konnte sie den Schnee sogar schon riechen …

Schnell entfachte Ginger das Feuer und Tess begann damit, den lockeren Teig für das Brot aus Wasser und Mehl zu kneten. Sie schnitt eine Handvoll wilder Kräuter klein und mischte sie als kleine Verfeinerung dazu. Dann formte sie kleine Kugeln daraus. Als die beiden flachen Steine, die sie dafür gesucht hatten, heiß genug waren, wischte sie die Asche herunter und zog die Kugeln zu flachen Fladen auseinander. Diese legte sie auf die Steine, um sie zu backen. Ihr Lagerplatz war bald erfüllt vom Duft nach frischgebackenem Brot, was ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Die Reste des Eintopfs und die frischen Brote ergaben ein reichliches Abendessen.

Der Himmel nahm langsam die blassviolette Farbe der Dämmerung an und die ersten Insekten erhoben sich surrend aus ihren Verstecken, in denen sie den hellen Tag überdauert hatten. Irgendwo raschelte etwas im Unterholz, Ginger spitzte die Ohren und drehte suchend den Kopf. Auch Tess folgte aufmerksam ihrem Blick. Obwohl es hier nur so von Waschbären wimmelte, waren sie doch jedes Mal begeistert, wenn sie einen zu Gesicht bekamen. Und tatsächlich erhaschten beide einen Blick auf das possierliche Tierchen, das im Laub nach Beute suchte. Tess warf ihm ein Stück Brot zu. Der Waschbär suchte sein Heil in der Flucht, woraufhin Ginger leise kicherte und Tess vielsagend anstupste.

Wie immer kam das benachbarte Paar verschwitzt und mit dem zufriedenen Grinsen großer Abenteurer kurz nach Einbruch der Dämmerung zurück und verschwand sogleich im Zelt, nachdem sie sich eine Katzenwäsche am See gegönnt hatten. Ginger musste grinsen. In den vier Tagen seit ihrer Ankunft hatten sie kaum ein Wort mit den beiden gewechselt, so sehr waren sie damit beschäftigt, jede Sekunde in der Wildnis zu nutzen.

Abends waren sie dann immer zu erschöpft und krochen sofort in ihre Schlafsäcke. Letztlich war es den beiden sowieso lieber, ungestört alleine zu sein, dann mussten sie auch nichts erzählen oder sich rechtfertigen.

Auf dem Wasser

 

Am nächsten Morgen beschlossen Ginger und Tess, sich eins der drei Ruderboote des kleinen Campingplatzes auszuleihen, um an das andere Ufer des Sees zu fahren. Ginger beschlich noch einmal kurz ein mulmiges Gefühl, als sie in das wankende, hellgrüne Boot stiegen, das seine besten Jahre auch schon lange hinter sich hatte. Diesmal gelang es ihr wenigstens, dieses vollkommen unsinnige Angstgefühl schneller abzuschütteln und nach den ersten kräftigen Ruderstößen fühlte sie sich befreit und begann, die Fahrt zu genießen.

Die Sonne stand bereits hoch und brannte auf sie herab, als sie ihr Ziel erreichten. Auf dieser Seite sah der See völlig anders aus. Das Ufer begann nicht mit der sanft ansteigenden Landmasse unter kristallklarem Wasser, sondern schoss steil als Felskante aus dem See. Die Sonne fiel senkrecht von oben ein und man konnte die Felswand gute drei Meter unter der Wasseroberfläche in den dunklen Tiefen verschwinden sehen. Sie fanden eine Stelle, an der die Wand nicht direkt aus dem Wasser in die Höhe ragte, sondern einen Meter über dem Wasser eine Einbuchtung hatte. Sie hatten etwa zwei Meter in die Wand hinein Platz, als sie aus dem Boot kletterten und es an einer Felsspitze festbanden.

Ginger begann sofort enthusiastisch wie ein Gecko die rissige Wand hinaufzuklettern, während Tess sich für die enorme Fülle an winzigen Pflänzchen begeisterte, die die kleinen Felsspalten bevölkerten. Sie machte mit ihrer Kamera, ihrer ständigen Begleiterin, unzählige Nahaufnahmen von jeder noch so kleinen Pflanze und murmelte unablässig wissenschaftliche Namen vor sich hin, was Ginger nur mit einem belustigten Kopfschütteln quittierte.

Wow, eine Aquilegia jonesii, endlich sehe ich mal eine …“

Auch Gingers Kletterei wurde ausgiebig festgehalten, bis diese schließlich lachend auf einer Felskante saß und begann, Tess mit kleinen Stöckchen und Steinen zu bewerfen. Sie hasste es, wenn man sie beim Sport fotografierte und Tess wusste das natürlich genau und machte sich immer wieder einen Spaß daraus. Sie verbrachten zwei Stunden in dieser kleinen Oase, bevor sie erschöpft und zufrieden den Rückweg antraten.

Als sie etwa ein Drittel des Weges zurückgelegt hatten, ließ Tess, die sich genüsslich im hinteren Teil des Bootes ausgestreckt hatte, ihre Hand entspannt ins Wasser gleiten, bewegte sachte ihre Finger und genoss das kühle und sanfte Gefühl. Wenn das Leben doch immer so bleiben könnte wie jetzt. Nur sie beide, befreit von all den Sorgen, weit weg von allen Vorwürfen ...

Schlagartig hob Ginger den Kopf, sie spürte den Schrecken, noch bevor Tess einen Laut von sich gegeben hatte. Das Boot kam mit einem Ruck zum Stehen und Ginger las diesmal in Tess’ Augen die nackte Angst, doch diese starrte nicht sie an, sondern ihre Hand, die scheinbar im Wasser feststeckte. Mit einem Satz war Ginger, die versuchte, die Absurdität dieses Moments nach Leibeskräften zu ignorieren, bei ihr.

Sie spürte den Schmerz der Anderen am eigenen Leib, etwas zerrte mit unglaublicher Gewalt an Tess’ zarter Hand, so dass ihr die Tränen kamen, während sie sich mit aller Macht gegen die Wand des Bootes stemmte. Doch es reichte nicht. Nicht einmal, als Ginger ihre Arme um Tess schlang und mit all ihrer Kraft an ihr zog. Unaufhörlich wurde Tess weiter ins Wasser gezogen. Schon war ihr Ellenbogen unter der Oberfläche. Noch immer gab sie keinen Ton von sich und biss sich auf die Lippen, bis die ersten Blutstropfen hervortraten. Sie schien es nicht mal zu merken.

Ginger entwickelte Kräfte, die selbst ihr neu waren und riss mit einem letzten verzweifelten Ruck an Tess, so dass beide rückwärts ins Boot stolperten und mit einem dumpfen Poltern zum Liegen kamen. Tess schien völlig unbeteiligt und leckte sich geistesabwesend das Blut von den Lippen, während sie ihre Hand anstarrte, als wäre sie kein Teil ihres Körpers, sondern das personifizierte Böse. Ginger kroch zu ihr, um sie in die Arme zu nehmen und zu beschützen, egal was noch kommen mochte. Doch es kam nichts. Zumindest nicht gleich. Außer ihrem lauten Herzschlag störte kein Laut die unheimliche Stille, die Welt schien den Atem anzuhalten.

Nachdem eine kleine Ewigkeit in verstörtem Schweigen vergangen war und die beiden gerade wieder wagten zu atmen, sank das Boot.

Es geschah überraschend unspektakulär. Beinahe, als würde sich das Wasser einfach nur öffnen und das Boot sanft nach unten fallen. Tiefgrüne Wände aus eiskaltem Wasser schlugen sofort über ihnen zusammen. Sie wurden brutal umhergewirbelt wie zwei leblose Puppen und die Wassermassen pressten die Luft aus ihren Lungen.

´Wo war nur oben?´ In dieser Tiefe sahen sie nichts als Grün, wohin sie sich auch wandten, kein Sonnenstrahl wies die Richtung an die rettende Luft. Es war Tess’ verzweifelter, stummer Schrei, der ihnen schließlich den Weg zeigte: Die Luftblasen stiegen hektisch glitzernd nach oben, in die Freiheit … Ginger war als Erste wieder an der Oberfläche. Sie japste panisch nach Luft und sah sich sofort nach Tess um.

Was sie sah, raubte ihr den Atem. Tess befand sich etwa zwei Meter neben ihr und es sah aus, als würde sie gegen die Wasseroberfläche hämmern. Von unten! Das Wasser schien zu Glas erstarrt und erzitterte nicht mal unter den verzweifelten Versuchen von Tess, sich durch die pure Kraft ihrer Fausthiebe zu befreien.

Ihr Gesicht war vor Angst völlig verzerrt und verschwamm unter dem Schwall von Luftblasen, der zusammen mit ihren lautlosen Schreien ihre Kehle verließ. Ginger versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren und musste gegen ihre eigene und noch dazu gegen Tess’ Panik ankämpfen. Ihr Magen verkrampfte sich zu einem eisigen Klumpen und schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen.

Du kriegst sie nicht!“, fauchte Ginger. Jetzt war sie wirklich wütend. Sie stürzte sich mit aller Kraft auf die Stelle, an der Tess um sich schlug und traf völlig überrascht nicht auf eine undurchdringliche Wand, sondern auf ganz normales Wasser. Und als sie erschrocken die Hand ausstreckte, fühlte sie nichts außer der unendlichen Kühle des Sees. Sie sah Tess nicht und sie spürte sie nicht einmal mehr. Sie spürte gar nichts mehr. Tess war fort.

Mit grimmiger Entschlossenheit füllte Ginger ihre Lungen prall mit Luft und stürzte sich in die Tiefe. Sie tauchte und tauchte, drehte und wendete sich, suchte und verzweifelte. Keine Spur von Tess, so schnell konnte sie nicht gesunken sein. Oder doch?

Sie musste tiefer. Und tiefer! Und noch tiefer … Bis es dunkel wurde, bis sie vereint waren. Vereint in Dunkelheit und Kälte, so wie sie es verdient hatten …