Leseprobe 2 - neue Freunde

 

 

 

Neue Freunde

 

Da sie keinerlei Habseligkeiten außer ihrer langsam trocknenden Kleidung mit sich trugen und Kirons Gefährten neben ein paar Decken ebenfalls kaum Gepäck dabei hatten, ging der Aufbruch rasch vonstatten. Nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren, drehten sich Tess und Ginger in einer Bewegung um, als sie ein vertrautes Geräusch hörten: Hufgetrappel. Auf einem kleinen stämmigen Pferd kamen in gemächlichem Trott Majra und Haisha, die vor ihr saß, auf dem Pfad angeritten. Sie ritten ohne Sattel und das Pferd wirkte nicht ganz wie ein normales Pferd, was beide nicht mehr sichtlich überraschte.

 

 

Es war schwer zu erfassen, aber es schien, als wäre es ein bisschen zu kompakt, die Beine waren durch die mächtig wirkenden Schultern und Hüften mehr seitlich als unter dem Körper angesetzt. Die Proportionen waren nicht mal mit einem Kaltblut vereinbar, auch der Kopf und die Ohren waren etwas zu kurz, um ein `normales` oder besser vertrautes Pferd zu sein. Unter der weichen Oberlippe spitzten verlängerte Eckzähne wie bei einem Muntjak1 hervor, wodurch der Kopf mehr wie der eines Raubtieres aussah. Das Tier wirkte kraftvoll und doch friedlich. Ihm fehlte jedoch vollkommen die stolze und elegante Ausstrahlung, die Tess einfach mit Pferden verband.

 

 

Als die beiden Reiterinnen Tess und Ginger umringt von ihren Gefährten sahen, hielten sie erstaunt inne. Ein verblüfftes Grinsen machte sich auf Majras Gesicht breit und sie spornte ihr Reittier zu einer schnelleren Gangart an, die man trotz der weit ausgreifenderen und massiver wirkenden Bewegung wohl als Galopp bezeichnen musste. Direkt neben den Mädchen parierte sie das mausgraue Tier durch, das aus der Nähe eine noch stärkere raubtierähnliche Ausstrahlung hatte, so wuchtig, muskulös und gleichzeitig geschmeidig ging es neben ihnen her. Zu ihrer Belustigung hatte es ein pechschwarzes Ohr, von dem ein ebenso schwarzer Fleck wie auf die Stirn getropft schien.

Auf den skeptischen Blick der Zwei hin raunte Kiron ihnen zu: „Habt keine Angst vor Roku, er ist ein wirklich gutmütiges Kerlchen.“

Als es neugierig an der dünnen Kapuze knabberte, die an Gingers Weste hing, und diese ihm daraufhin zärtlich die hellen Nüstern kraulte, überwog der Pferde-Eindruck und die kurzzeitige Unsicherheit verflog in der warmen Brise. Nachdem sie Majra ihre Entscheidung mitgeteilt hatten, fing diese an, mit einem stolzen Lächeln ihre Welt zu erklären. Sie deutete mal hierhin, mal dahin und erklärte alle Tiere und Pflanzen, die Berge, die Sonne und vergaß in ihrer Begeisterung, dass ihre Welten gar nicht so verschieden waren. Ginger und Tess hörten ihr schmunzelnd zu und versuchten, sich alle Eindrücke einzuprägen. Tess bedauerte den Verlust ihrer Kamera sehr, die wohl gerade irgendwo zwischen den Welten fest hing …

In einiger Entfernung sahen sie mehrmals Herden von Tieren, die ihnen auf die Distanz wie langbeinige Gazellen vorkamen. Vögel mit auffallend buntem Gefieder und riesige, schillernde Libellen flogen durch die warme Luft. Wenn man nicht so genau hinsah, wirkte die Umgebung weniger fremd, als sie erwartet und irgendwie auch erhofft hatten. Die vielen Pflanzen, Vögel und Insekten wirkten teilweise fremd und exotisch, aber es wäre ihnen nicht anders ergangen, wenn sie plötzlich auf einer Insel mitten im Pazifik gestrandet wären. Sie erinnerten sich an ihren Urlaub in Costa Rica vor Jahren, wo ihnen der Regenwald viel mehr wie eine fremde, aufregende Welt vorgekommen war, als die lockere Wald- und Wiesenlandschaft, durch die sich der sanft gewundene Pfad schlängelte, dem sie jetzt folgten. Sie sollten jedoch sehr bald erfahren, dass diese Welt in ihren Grundzügen doch völlig andersartig war als alles, was sie kannten. Die Tatsache, dass ihre neu gewonnenen Bekanntschaften sie durch eine misslungene Beschwörung in diese Welt gebracht hatten, kam den beiden Mädchen gar nicht so abwegig vor. In der Realität ihres alten Lebens hatten Dinge wie Spiritualismus, Geisterbeschwörung und Jenseitskontakte so sehr Einzug in den Alltag und die Medien gehalten, dass ihre Erfahrung am eigenen Leib lediglich etwas extremer, aber keineswegs vollkommen surreal wirkte.

Sie waren einige Stunden gewandert und hatten sich angeregt unterhalten, als sich vor ihnen eine riesige Kraterlandschaft ausbreitete. Die Rauch- und Dunstschwaden hatten sie schon seit einer Weile gesehen, ihnen aber keine besondere Bedeutung beigemessen. Je näher sie kamen, desto klarer sahen sie, dass sie sich einer riesigen Schlucht näherten.
Als sie am Rande des Canyons angelangt waren, stockte Ginger der Atem. Die steile Felswand fiel senkrecht vor ihnen ab und der Boden lag einige hundert Meter unter ihren Füßen. Die Ausmaße waren geradezu schwindelerregend und die Zwei wagten sich nicht näher als drei Schritte an die Kante heran.
Weit unter ihren Füßen erstreckte sich die verdorrte, rote Erde zu beiden Seiten, soweit das Auge reichte. Verbrannte und verkrüppelte Bäume und Sträucher waren das einzige Zeichen von ehemaligem Leben inmitten dieser düsteren Einöde, die trotz allem eine bizarre Faszination auf Ginger ausübte. Dankbar nahmen sie den ledernen Wasserschlauch entgegen, den Kiron ihnen reichte. Sie tranken das offenbar mit Früchten gesüßte, kalte Wasser und betrachteten überwältigt die Landschaft vor ihnen.
Vereinzelte Gischtfontänen stoben aus kleinen Kratern und die Erde war aufgeworfen und von den Naturgewalten zerfurcht. Direkt neben ihnen, nur durch die tiefe Schlucht getrennt, erhoben sich die Überreste eines riesigen Berges, dessen Spitze wohl eine gewaltige Eruption zerrissen hatte. Knapp über ihren Köpfen hörte die Steilwand abrupt auf und ein kreisförmiger Krater hatte sich tief in das Innere des Berges gefressen. Ein Vulkan wie aus dem Bilderbuch. Die massiven Felswände erstrahlten wie magisch im zerfließenden, roten Licht des geschmolzenen Gesteins.

Und da sollen wir rüber?“, platzte es aus Ginger heraus. Sie stand neben Kiron und starrte diese Mondlandschaft aus weit aufgerissenen Augen an. Die Hitze, die der offene Krater vor ihnen verströmte, war enorm. Tess musste ein paar Mal die aufsteigenden Tränen wegblinzeln, um überhaupt klar sehen zu können. Kiron lächelte nur verschwörerisch und drehte sich zu Majra und Haisha um. Mit einer fließenden Bewegung hob er Haisha von Rokus Rücken und stellte sie neben sich ab. Alle traten einen Schritt zurück, so taten es die Mädchen ihnen gleich. Haisha hob die Arme zum Himmel.
Der Anblick verschlug ihnen die Sprache: Der zarte Mädchenkörper vor dieser grotesken Landschaft, in unschuldiges Weiß gehüllt und die Haare vom plötzlich aufkommenden Wind zerzaust, als hätte sie alle Macht, die Naturgewalten zu beherrschen.
Nach ein paar Sekunden, in denen Ginger und Tess nur staunend und wie angewurzelt dastanden und alles Mögliche erwarteten, senkte sie die Arme wieder. Dann fingerte sie eine schmale, silbrig glänzende Kette aus ihrem Kleid hervor. Daran hing etwas, das aussah wie eine filigrane, lang gezogene Muschel, perlmuttfarben und beinahe transparent.
Haisha hob das zerbrechlich wirkende Gebilde an ihre schmalen Lippen und blies kräftig hinein. Ein überraschend melodischer hoher Ton erklang. Er war nicht sehr laut, aber er ging den Mädchen durch Mark und Bein und schien jede Faser ihres Körpers zu durchdringen und etwas völlig Fremdes in ihnen anzurühren. Zurück blieb ein vages Kribbeln, das noch anhielt, lange nachdem der Ton mit dem Wind davongetragen worden war.

 In der erwartungsvollen Stille danach schien zunächst gar nichts zu passieren. Gespannt warteten die Beiden und blickten sich nach allen Seiten um. Erst als sie beobachteten, wie sich die Blicke ihrer Begleiter auf einen Punkt über ihren Köpfen richteten, wurden sie sich der nahenden Gestalten bewusst. Zuerst war es nur ein vages Gefühl, so als hätte die Luft eine andere Qualität bekommen. Sie wirkte plötzlich zäher und von einem kaum definierbaren, bedächtigen Gefühl erfüllt. Ehrfürchtig und erwartungsvoll starrten beide in die Luft. Dann glaubten sie, die Gestalten zu erkennen. Doch jedes Mal, wenn sie versuchten, diese wirklich zu fokussieren, schienen die Wesen sofort wieder mit den Dunstschleiern über dem brodelnden Krater zu verschwimmen. Erst, als die Zwei begannen, sie nur aus den Augenwinkeln zu betrachten, konnten sie die Umrisse klarer erkennen.
Die durchscheinenden Wesen waren etwas kleiner und zierlicher als Menschen und erstrahlten in einem sanften, hellgrünen Licht, das tief aus ihrem Innersten zu kommen schien. Sie bewegten sich mit kaum sichtbaren Flügeln durch die Luft, die mehr aus dünnen, schimmernden Fäden als aus klaren Strukturen zu bestehen schienen. Und es waren Hunderte, die aus der glühenden Öffnung des Kraters aufstiegen. Schließlich war das ganze Sichtfeld der Mädchen von ihnen ausgefüllt. Sie schwebten herab und ordneten sich vor ihnen in einer Reihe an, die bis an das andere Ende der Kraterlandschaft führte und beinahe aus ihrem Blickfeld verschwand.Ehrfürchtig und verunsichert versuchten Ginger und Tess, einen klaren Blick auf die fremdartigen Wesen zu erhaschen. Nur hin und wieder schienen auf einem der beinahe unsichtbaren Gesichter Züge zu erscheinen. Diese Augenblicke wirkten kostbar und bewegend, denn die Gesichter wirkten so gelöst, friedlich und in vollkommener Ruhe, dass die Beiden von einer undefinierbaren Sehnsucht ergriffen wurden.Obwohl die Wesen kleiner waren als sie, fühlten sie sich plötzlich unbedeutend und winzig in Anbetracht dieser ätherischen, engelsgleichen Gestalten.

Sie fassten sich sprachlos bei den Händen und trauten ihren Augen nicht. Majra und Kiron wirkten belustigt über die staunenden Mädchen und Majra bedeutete ihnen mit einem ermutigenden Lächeln, dass dies nichts Besonderes sei.
Nachdem sich die Reihe der durchscheinenden Gestalten bis an die gegenüberliegende Seite fortgesetzt hatte, schienen sie plötzlich ineinander zu fließen, wie der Rauch erlöschender Kerzen. Die Formen verschwammen und aus den wirbelnden Schwaden bildeten sich die Umrisse einer Brücke. Ginger und Tess hatten Schwierigkeiten, sie klar zu erkennen. Aus den Augenwinkeln wirkte sie wie ein massives Gebilde aus hellgrünem Glas. Doch wenn die Mädchen direkt darauf blickten, sahen sie nur die trostlose Landschaft in der Tiefe. Erschrocken blickten die beiden sich an. Darauf sollten sie ihre Füße setzen? Das musste ein Scherz sein ...
Zu ihrer Überraschung zögerte Roku keine Sekunde, als Majra ihn auf die schemenhafte Brücke lenkte und dabei mit spielerischer Leichtigkeit Haisha vor sich auf den breiten Rücken des Pferdes hob, das Tess mit einem Blick an die richtigen Stellen als Hengst erkannt hatte. Auch die anderen folgten ihnen ohne innezuhalten.

Tess sog scharf die Luft ein, tastete blind nach Gingers Hand und erstarrte. Als auch der letzte ihrer Begleiter den festen Boden verlassen hatte und zielstrebig durch die Luft marschierte, näherte Ginger sich zögerlich dem Abgrund. Die Gruppe machte keinerlei Anstalten, auf sie zu warten. Tess, die sich noch immer nicht bewegte, hielt sie weiterhin fest an der Hand und hatte die Augen fest zusammengepresst. Ginger holte tief Luft, schloss ebenfalls die Augen und setzte zögerlich den ersten Fuß auf das unwirkliche Gebilde.

Es schien sie zu tragen, also zog sie den anderen Fuß nach. Dann erst öffnete sie vorsichtig die Augen wieder. Beim Blick nach unten stockte ihr der Atem, denn sie sah nichts als den bodenlosen Abgrund unter sich, der ihr plötzlich doppelt so tief vorkam. Rasch hob sie den Blick und schielte vorsichtig mit klopfendem Herzen von oben herab auf die Brücke. Jetzt nahm sie diese wieder umrisshaft wahr. Sie atmete ein paar Mal tief ein und blickte suchend nach vorne, um nach Kiron und den anderen zu sehen. Diese waren schon ein gutes Stück weit gewandert und blickten sich nicht einmal um.

Na gut, wenn dieses Ding das Monstrum von Pferd aushält, wird es schon nicht unter uns zerbrechen“, raunte sie zu sich selbst. Sie brauchte gar nichts zu Tess zu sagen. Als diese spürte, dass Ginger bereits auf der Brücke stand, öffnete sie die Augen. Sie vermied es, das Lichtgebilde direkt anzusehen und schob sich zögerlich an Ginger heran.
Nach einer prüfenden Sekunde, in der sie beide sich versicherten, dass sie nicht in die Tiefe stürzten, wagten sie die ersten Schritte. Hand in Hand überquerten sie die Brücke aus Licht und ließen damit ihr altes Leben und ihre alte Realität weit hinter sich …

 

 Muntjak: In Asien vorkommende, kleine Hirschart, bei der die Männchen hauerartige, verlängerte Eckzähne haben.