Leseprobe 3 - Magie

Damit ihr einen Eindruck der magischen Künste auf Karhuna und der Schwierigkeiten mit denselben bekommt: Hier zwei magische Kapitel: 

 

Die Macht der Gedanken

 

Der nächste Tag begann wie jeder andere. Mit der aufgehenden Sonne waren auch die Zwillinge wach. Majra schickte sich an, in den Stall zu gehen. Kiron spielte noch ein Weilchen mit Haisha und Kex, der regelmäßig die Zimmer auf den Kopf stellte, aber scheinbar alle Freiheiten der Welt hatte. Tess machte sich in der Küche zu schaffen, um herauszufinden, was herauskam, wenn sie versuchte, eine Obsttorte zu backen. Die Schwestern waren von den Früchten dieser Welt hellauf begeistert und naschten sich langsam durch das gesamte Sortiment.

Ginger ging wie immer zum Magieunterricht. Besser gesagt: Sie schleppte sich. Ihr ganzer Körper brannte. Sie hatte nicht erwartet, solch einen Muskelkater zu bekommen. Sie spürte plötzlich Muskeln, von denen sie vorher nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten. Gleichzeitig fühlte sie sich lebendig und voller Tatendrang.

Heute werdet ihr etwas sehr Nützliches lernen“, eröffnete Redorin seinen Schülern zu Beginn des Unterrichts. Er nahm eine Kerze, streifte den Docht mit Daumen und Zeigefinger und hinterließ eine flackernde Flamme darauf. Sämtliche Augenpaare fingen voller Vorfreude an zu leuchten.

Jeder hatte nun eine Kerze vor sich stehen und versuchte sein Glück. Redorin ging bedächtig die Reihen der Schüler ab und betrachtete die Fortschritte. Hinter Ginger blieb er stehen. Ihr Docht war noch weiß und völlig unberührt. Er betrachtete sie forschend …

Wo sind deine Gedanken, Kind? Konzentrier dich! Außer dieser Flamme hat nichts in deinem Kopf etwas zu suchen.“ Er wandte sich um und ging weiter. Ginger schloss die Augen und fokussierte all ihre Gedanken erneut. Sie versuchte, sich ganz bildlich eine lodernde Flamme vorzustellen. Ein unwillkürliches Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich an einen ihrer Lagerfeuerabende am See zurückversetzte. Auf dem Dach des Nachbarhauses rief plötzlich ein Vogel laut und aufgeregt. Das Zwitschern drang schneidend und stechend an ihr Ohr und sie blickte kurz missmutig durch das milchige Fenster nach draußen. Der Anblick des Strohdachs weckte Erinnerungen in ihr …

Erinnerungen aus ihrer Kindheit, als in der Nachbarschaft eine Scheune gebrannt hatte. Ihre Eltern hatten sie stundenlang verzweifelt gesucht, bis sie sie auf einem Baum sitzend gefunden hatten. Von dort aus hatte sie das Feuer die ganze Zeit beobachtet. Sie erinnerte sich an die brennenden Strohhalme, die der heftige Wind wie kleine, leuchtende Feen durch die Luft getrieben hatte.

Langsam spürte sie das wärmer werdende Pulsieren in ihren Armen und Händen und versuchte, dieses Gefühl zu verstärken und auf die Flamme zu projizieren. Immer tiefer versank sie in einer rot lodernden Dunkelheit und fühlte sich in die Flamme hinein. Eine kleine Ader auf ihrer Schläfe begann zu pochen und es wurde schlagartig rot vor ihren Augen. Da ging das strohgedeckte Dach des Nachbarshauses in Flammen auf …

Schuldbewusst schlich Ginger zu Redorin. Sie hielt noch den Eimer in der Hand, nur langsam löste sich die Löschkette auf. Sie hatten Glück gehabt und das Feuer sofort unter Kontrolle gebracht. Kurz hatte Ginger gehofft, dass die Flammen auch mit Magie zu löschen wären, doch offensichtlich konnte etwas, das einmal beschworen wurde, nur sehr schwer rückgängig gemacht werden. Die Leute redeten verwundert miteinander, keiner konnte sich den plötzlichen Ausbruch erklären.

Das macht mir Sorgen. Du hast überraschend viel Potential, meine Liebe. Du solltest wirklich vorsichtig sein. Da du nicht damit aufgewachsen bist, musst du wohl erst lernen, die Kräfte zu kontrollieren. Diesmal ist noch nichts passiert, aber wenn ich daran denke, was passieren könnte, wenn wir lernen ein richtiges Lagerfeuer zu entfachen … Das möchte ich mir gar nicht vorstellen! Ab jetzt wirst du mit Satiram zusammen üben. Er ist der Älteste und wird ein Auge auf dich haben. Sieh mich nicht so an, ich mache dir keinen Vorwurf, mir war schnell klar, dass du begabt bist, aber ich hatte nicht erwartet, dass du solche Kräfte entfachst. Also, ich werde niemandem etwas sagen und du beherrscht dich in Zukunft. Kannst du damit leben?“

Sie nickte beschämt und schob sich rückwärts aus der Tür der Ratshalle. Die anderen Schüler standen in kleinen Grüppchen zusammen und tuschelten aufgeregt untereinander, niemand traute Ginger das Feuer wirklich zu. Keiner bemerkte, dass Ginger schleunigst in die Schreinerei zu Miresh flüchtete, um die Stuhllehne fertig zu verzieren, an der sie gerade arbeitete.

 

 

Vorbereitungen

 

 

Am nächsten Morgen war die Stadt schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Als die Zwillinge nach einem knappen Frühstück das Haus verließen, herrschte draußen eine hektische, fast grimmige Stimmung. Als Ginger die lange Schlange vor Mireshs Schreinerei sah, hastete sie sofort hinüber, um ihm bei der Anfertigung der massiven Holzschilder zu helfen. Tess half Majra und einigen anderen dabei, die Ausrüstungen für die Pferde zusammenzustellen.

Sie war überrascht, was für schwere Rüstungen die Tiere tragen konnten. Sie schaffte es gerade mal zusammen mit Majra, einen der Lederüberwürfe mit den aufgesetzten Metallplatten über den Boden zu schleifen. Sie wurden mit ledernen Riemen an den Sätteln festgeschnallt und dann an den Seiten hochgerollt, um die Tiere nicht beim Laufen zu behindern. Tess betastete neugierig die dünnen Metallstreifen, die so angeordnet waren, dass man die Riemen im Sattel sitzend nur lösen musste, damit sich die Überwürfe durch ihr Gewicht selbst entrollten und dann die Seiten des Pferdes schützten. Der Tag ging in hektischer Betriebsamkeit unter und es war schon später Nachmittag, als es den Zwillingen endlich gelang, sich davonzustehlen.

Karim war fort, als sie sich in seiner Höhle niederließen, um ihre Idee das erste Mal zu testen. Beide waren nervös und wussten nicht, ob es überhaupt funktionieren konnte, sie hatten Ähnliches noch nie versucht und auch Karim war skeptisch gewesen. Trotzdem war es ihre einzige Chance und sie mussten es einfach versuchen.

Sie setzten sich einander gegenüber auf den Boden und versuchten, ihre Gedanken zur Ruhe zu bringen. Ginger nahm einen Stein in die linke Hand, schloss die Augen und atmete tief ein. Tess hatte ihre Hand geöffnet und die Augen ebenfalls zu. Beide konzentrierten sich. Nichts geschah …

Nach einer Weile öffnete Ginger die Augen und tauschte missmutig den Stein gegen einen kleineren aus. Zunächst betrachtete sie ihn im Dämmerlicht. Er war hellbraun mit feinen, grauen Sprenkeln und einem anthrazitfarbenen Band seitlich der Mitte. Erneut konzentrierten sie sich mit geschlossenen Augen, erneut ohne Erfolg. Dann nahm Tess ihr den Stein einer plötzlichen Eingebung folgend ab. Sie musste ebenso wissen, wie er sich anfühlte. Sie betastete ihn, spürte der rauen Oberfläche und den zahlreichen feinen Rillen darin nach. Als sie ganz sicher war, dass sie seine Struktur verinnerlicht hatte, gab sie ihn zurück.

Sie versuchten es erneut. Ginger musste sich mit aller Gewalt zusammenreißen, der Magie nicht einfach freien Lauf zu lassen, sie hatte Angst davor, wieder die Kontrolle zu verlieren. Mehr als einmal blitzten verräterische rote Flammen vor ihren Augen auf und sie musste sich sofort zurücknehmen. Also verspannte sie sich zunehmend und biss die Zähne zusammen. Frustration begann in roten Wellen durch ihren Körper zu spülen.

Auf einmal fühlte sie zwei warme, kräftige Hände auf ihren Schultern, die sie sanft drückten und massierten. Kurz war sie versucht sich umzublicken, aber sie nahm Karims Geruch nach Leder und Wald deutlich genug wahr, um zu wissen, dass er es war, der da hinter ihr kniete. Unter seinen sanften Händen lockerte sie sich allmählich. Sie spürte, wie die Magie in ihren Händen pulsierte und sich dank ihrer ruhiger werdenden Gedanken formen und führen ließ, ohne sich selbst einen Weg zu suchen. Sie atmete tief und bewusst, und stellte sich den Stein bildlich vor. Die kühle, raue Oberfläche, die halbrunde Form, die kleine spitze Kante ...

Dann bemühte sie sich, zu fühlen, wie er verschwand. Wie nur leere Luft blieb und wie er in der Hand ihrer Schwester erschien und das sanfte Gewicht nun deren Handfläche berührte. Die Zeit verschwamm zu einer endlosen, ereignislosen und tiefen Schwärze.

Da veränderte sich etwas. Vorsichtig bewegte sie die Hand, die mittlerweile steif geworden war. Sie spürte nur die stickige Luft. Als sie sich traute, die Augen aufzumachen, war ihre Hand leer. Tess hielt den winzigen Stein in der geöffneten Hand, als wäre er etwas Heiliges. Sie strahlte ungläubig, blinzelte mehrmals heftig und konnte es nicht ganz begreifen. Es funktionierte tatsächlich.

Es hat scheinbar seine Vorteile, ein Zwilling zu sein. Sonst würde das nie funktionieren …“

Karim wirkte erleichtert, als er sich neben ihnen niederließ. Ginger brachte noch ein zuversichtliches Lächeln zustande, dann fielen ihr die Augen zu. Die Schwestern bekamen nicht einmal mehr mit, dass Karim sie mit dicken Fellen zudeckte, Asche auf dem Feuer verteilte und sich selbst in der Ecke auf seinem Lager aus Fellen zusammenrollte.

 

Die ersten Sonnenstrahlen brachen sich draußen im dichten, grünen Dach des Waldes. Sie blinzelte verschlafen, wischte sich mit einer fahrigen Bewegung die Haare aus der Stirn und versuchte, sich zu orientieren. Um sich herum sah sie kahle Felswände, es roch nach Fellen und Asche. Neben sich hörte sie Tess’ vertraute Atemzüge. Nach und nach kamen die Erinnerungen zurück und sie wälzte sich mühsam herum. Ihr müder Blick fiel dabei auf den kleinen Stein, der aus Tess’ halb geöffneter Hand gerollt war. Vorsichtig hob sie ihn vom kalten Boden auf und wiegte ihn nachdenklich in ihrer Rechten. Sie wurde sich der ungeheuren Anstrengung bewusst, die es sie beide gekostet hatte. Ein mühseliges Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich die nächsten Tage vorstellte. Sie hatten so wenig Zeit.

Ein Geräusch vor dem Eingang kündigte Karims Ankunft an. Er hatte frisches Obst gesammelt und setzte sich mit stolzem Gesichtsausdruck neben sie. Dankbar richtete sie sich auf, streckte sich ausgiebig und nahm die dargebotene Frucht entgegen. Das Ding sah aus wie ein Apfel und schmeckte auch fast genauso.

Danke für deine Hilfe gestern. Ich hatte wirklich schon geglaubt, dass es wieder mit mir durchgeht. Du hast mir wirklich geholfen. Ich weiß auch nicht, was da bei mir schief läuft.“ Die Worte fielen ihr ungeheuer schwer und sie wagte nicht, ihm in die Augen zu blicken.

Ich bin froh, dass ich etwas tun konnte. Du musst dir klar machen, dass du wirklich viel Kraft in dir hast. Und je mehr du versuchst, sie zu erzwingen, desto eher kann sie dich überwältigen. Du brauchst viel mehr innere Ruhe, wenn ihr das wirklich schaffen wollt. Und noch etwas solltest du wissen …“ Sein Blick wurde dunkel. „Ich glaube nicht, dass Redorin dir etwas darüber gesagt hat. Die Gabe der Magie ist für uns nicht ohne Nachteil. Sonst wäre es ja ein einfaches Leben und wir könnten sie benutzen, um alles zu regeln. Niemand müsste sich mehr für irgendetwas anstrengen. Du hast selbst gemerkt, wie sehr es dich erschöpft, Magie anzuwenden. Das liegt daran, dass du deine eigene Lebensenergie aufbrauchst! Magie ist nichts anderes als die Kraft, die dich am Leben hält und die du gefügig machen kannst. Redorin selbst ist das beste Beispiel. Er ist nur zehn Jahre älter als Kiron, du kannst selbst sehen, was dieses Spiel mit den Kräften aus ihm gemacht hat. Die Alltagszauber ermüden dich vielleicht nur ein wenig, wenn du sie oft anwendest, aber das, was ihr vorhabt, ist gefährlich und sehr anstrengend. Ich hoffe, ihr seid euch dessen bewusst.“

Gingers Augen waren groß geworden. `So jung? Aber er wirkt wie einer der Ältesten der Stadt`, schoss es ihr durch den Kopf. Irgendwie hatte sie es tief in ihrem Inneren gewusst. Sie hatte gespürt, dass die Magie sie auszehrte. Aber sie hatte sich nicht vorstellen können, in welchem Ausmaß.nFür sie änderte es jedoch nichts. Ihr Plan stand fest und nichts würde sie davon abbringen.

Karim, der ihr Schweigen fälschlicherweise als Angst deutete, versuchte sie aufzumuntern. Er versprach ihr seine Hilfe und sein volles Vertrauen in die vereinte Kraft von ihr und Tess. Ginger bedachte ihre schlafende Schwester mit einem langen Blick.

Ja, gemeinsam waren wir schon immer unschlagbar. Du hättest uns zuhause sehen sollen. Die Leute hatten richtig Angst vor uns. Sie haben nie verstanden, wie tief unsere Verbindung wirklich geht. Sogar unserer Familie waren wir manchmal unheimlich.“ Dabei schlich sich ein schmerzlicher Ausdruck auf ihr Gesicht. Karim wagte nicht zu fragen, er erinnerte sich lebhaft an ihre abweisende Haltung, als er es damals versucht hatte.

Ich zeige dir etwas ...“ Ihre Miene hatte sich aufgehellt und sie richtete einen bohrenden Blick auf Tess’ friedliches Gesicht. Karim folgte ihrem Blick und wartete. Nach nur wenigen Sekunden des Schweigens regte sich Tess. Dann blinzelte sie, öffnete die Augen und sah ihre Schwester fragend an.

Warum hast du mich geweckt?“

Karim musste lachen. Er war immer wieder von der intensiven Verbindung der Zwillinge überrascht. In manchen Momenten, wenn sie bei ihm waren, wünschte er sich zurück zu seiner Familie. Die Vertrautheit fehlte ihm trotz all dem, was passiert war, immer noch.

Ach übrigens, gestern habe ich das Loch im Boden, durch das wir in die Drachenhöhle gestürzt sind, mit Ästen und Laub zugedeckt. Irgendwie, ich weiß auch nicht …“ Karims Stimme stockte.

Du fühlst dich für die Eier verantwortlich“, fiel Ginger ihm ins Wort. „Genau wie ich, wenn ich ehrlich bin. Ich verstehe es auch nicht ganz. Für mich sind sie einfach wundervolle Wesen, egal was ihre Mutter anstellt.“

Gegen ihren Willen musste sie lächeln. Auch Karims Gesicht hellte sich bei ihren Worten merklich auf und er nickte zaghaft.