Leseprobe 4 - Schwarzes Blut

 

Schwarzes Blut

 

In der Mitte der dritten Woche seit ihrer Ankunft wurden die Schwestern noch vor Sonnenaufgang von hysterischen Schreien geweckt. Sofort waren sie auf den Beinen und liefen schlaftrunken auf den großen Platz hinaus. Ein Blick zum Himmel, der nur durch einen roten Schleier sichtbar war, beantwortete ihre unausgesprochene Frage. Der Drache hatte erneut angegriffen. Diesmal war der Oktran offensichtlich nicht schnell genug gewesen. Eine aufgeregte Menschentraube hatte sich vor dem hinteren Stadttor versammelt. Als Ginger und Tess näher kamen, hörten sie das verzweifelte Schluchzen und befürchteten das Schlimmste. Ihre Erwartungen wurden erfüllt. Zwei Gestalten lagen am Boden. Für die eine kam jede Hilfe zu spät, der verdrehte und verkohlte Körper wirkte vollkommen grotesk inmitten der idyllischen, farbenprächtigen Stadt. Die zweite Person wäre vielleicht besser dran gewesen, wenn sie das Schicksal der ersten geteilt hätte.

Es handelte sich um eine junge Frau, ihre rechte Körperhälfte war von scheußlichen Verbrennungen überzogen und der rechte Arm endete in einem verkohlten Stumpf, aus dem langsam dunkelrotes Blut sickerte und eine hässliche Lache unter ihr bildete. Ihre Augen waren weit geöffnet, eingesunken und blickten leer in den wolkenverhangenen Himmel. Sie atmete flach und stockend und schien vollkommen weggetreten zu sein. Die Kleidung hing in Fetzen von ihrem Körper und war schwarz von Ruß und geronnenem Blut. Redorin kniete über ihr. Er hatte die Hände auf ihre Stirn gelegt und die Augen geschlossen. Niemand sonst wagte sie anzufassen.

Endlich war jemand so geistesgegenwärtig, den Leichnam des Anderen mit einem großen, schwarzen Tuch abzudecken. Zwei ältere Frauen mussten mit Gewalt zurückgehalten werden. Sie schrien und schluchzten ununterbrochen und versuchten verzweifelt, sich zu der Verletzten durchzukämpfen.

Die Schwestern waren in gebührendem Abstand stehen geblieben, hielten sich an den Händen gefasst und beobachteten sprachlos das Geschehen ... Als Gingers Blick sich endlich löste und über die Stadtmauer in Richtung Wald glitt, gefror das Blut in ihren Adern. Sie riss sich wortlos von Tess los und stürmte an der verstörten Menschenmenge vorbei. Blindlings raste sie auf den Waldrand zu, durch den das Feuer eine breite Schneise gefressen hatte. Das Blut rauschte in ihren Ohren und übertönte beinahe das Knacken der Glut, die links und rechts von ihr aufstob, als sie wie von Sinnen den Pfad weiter in den Wald hineinlief.

Sie merkte nicht, dass sie sich die Haare und die nackten Arme versengte, sie rannte und rief immer wieder Karims Namen. Als sie an seiner alten Lagerstätte angekommen war, blieb sie stehen und starrte fassungslos auf die gleichmäßig verteilte Asche am Boden. Nichts erinnerte mehr daran, dass hier einmal eine Hütte aus Ästen und Laub gestanden hatte. Sie ließ sich hilflos auf die Knie sinken und schloss die Augen. Ein Schrei wollte aus ihrer Brust hervorbrechen, doch sie biss die Zähne zusammen, ballte die Fäuste und versuchte, sich auf ihn zu konzentrieren. Da sah sie ihn. Vor ihrem inneren Auge entstand plötzlich ein klares Bild: Karims vertraute Gestalt, die sich im Dunkeln zusammengekauert hatte. Sie kannte diese Felswände …

Sofort war sie wieder auf den Beinen und rannte mit klopfendem Herzen zum zerklüfteten Fuß des Berges. Sie erreichte keuchend und zitternd seine Höhle und erkannte seine zusammengesunkene Gestalt, noch bevor sie den scheußlichen Geruch von Blut und verbranntem Fleisch wahrnahm. Er reagierte nicht, als sie seine Schulter berührte, also rollte sie ihn herum und zog ihn ins Licht. Wo er gelegen hatte, hinterließ er einen schmierigen roten Fleck. Seine Kleidung war am Rücken verschmort und seine Haut sah entsetzlich aus. Sein rechtes Bein bot denselben Anblick. Ginger war vollkommen hilflos, sie wagte kaum ihn zu berühren. Endlich nahm sie all hren Mut zusammen und tastete nach seinem Puls. Ängstlich hielt sie den Atem an, das war das zweite Mal in zu kurzer Zeit, dass sie betete, sie würde unter ihren Fingern das lebendige Klopfen eines Pulsschlags fühlen.

Erleichtert atmete sie aus - er war schwach, aber vorhanden. Sie musste etwas tun, die Wunde kühlen, das Blut stoppen, irgendetwas!

Da hörte sie Schritte und fuhr erschrocken herum. Sofort wusste sie, wer die Höhle betreten würde und sie war in diesem Moment unendlich dankbar. Wortlos ließ Tess sich neben ihr auf die Knie sinken und drückte kurz ihre Hand. Gemeinsam schälten sie vorsichtig das verschmorte Leder von seinem Rücken.

Ginger fluchte leise vor sich hin. Sie hatte das Gefühl, ihm große Schmerzen zuzufügen, obwohl er nicht einmal zuckte. Sein Atem kam stoßweise und flach. Das Ausmaß der Verbrennungen war verheerend. Von der linken Schulter abwärts bis knapp über der Hüfte sah sie nur rohes Fleisch, das schwarzbraun glänzte, und dunkles Blut, das langsam herausquoll. Das Bein sah vom Knie abwärts genauso aus. Sie betete, dass seine Bewusstlosigkeit tief genug war, um ihn zumindest vor den Schmerzen zu verschonen. Sein Kopf war weitgehend verschont geblieben, aber dafür waren seine Handrücken verbrannt und die Finger sahen erschreckend aus. Offenbar hatte er damit versucht, seinen Kopf schützen.

Tess murmelte etwas, das Ginger nicht verstand und streckte ihre Arme aus, ihre Hände kamen dabei auf Höhe seiner Schulterblätter, etwa eine Hand breit über seinem Rücken in der Luft zum Liegen. Ein Seitenblick wies Ginger an, dasselbe zu tun. Natürlich, der Zauber um sich selbst zu heilen! Sie hoffte, dass man damit auch andere heilen konnte, oh wie sehr sie es sich wünschte … Sie versuchte, tief und ruhig zu atmen, ihre Mitte zu finden und ihre Kraft ganz auf den verletzten Körper vor ihr zu richten. Anfangs hatte sie große Mühe, das schmerzhaft laute Pochen ihres Herzschlags aus ihrem Kopf zu verdrängen und ihre Atmung zu verlangsamen, doch mit Tess’ Hilfe begann sie, sich langsam zu beruhigen.

Die Zeit schien wie Wachs dahinzuschmelzen, als sich langsam ein warmer Strom aus ihrem Innersten in ihre Arme ausbreitete. Vor ihrem geistigen Auge entstand ein klares Bild seiner Verletzungen. Dann versuchte sie, sich seinen Körper heil vorzustellen. Die dünne Haut, die sich über die geschmeidigen Muskeln spannte …

Unbewusst fanden ihre Gedanken die richtigen Wege und die Energie strömte aus ihren glühenden Handflächen: Zuerst konzentrierte sie sich auf die Blutgefäße, nähte sie im Geiste zu und versiegelte die Stiche. Dann vervollständigte und glättete sie die zerfetzten Muskeln und verknüpfte die zerrissenen Nervenbahnen, Bänder und Sehnen wieder. Sie hatte keinerlei anatomische Kenntnisse, doch die Bilder erschienen wie von selbst in ihrem Kopf. Plötzlich wusste sie genau, was wohin gehörte.

Als das Gewebe mit dem mentalen Chirurgenbesteck wieder zusammengesetzt war, vervollständigte sie die verschiedenen Hautschichten und versiegelte die oberste ebenfalls. Immer wieder huschten lebhafte Bilder an ihrem geistigen Auge vorbei und beflügelten sie: Das Aufblitzen seiner strahlenden Augen, sein Lachen, die Geduld und Freude, mit der er sie unterrichtete.

Die ganze Zeit über spürte sie die unbeschreibliche Kraft, die von Tess ausging und sich mit ihrer zu einer mächtigen Einheit verband. Dann versank sie in seliger Dunkelheit...