Leseprobe 5 - Leben im Fels

 

Leben im Fels

 

 

Keuchend versuchte Karim, zu Atem zu kommen. Der Aufprall hatte ihm fast die Sinne geraubt und vor seinen Augen tanzten blitzende Lichter. Ginger lag mit dem Gesicht nach oben unter ihm und bewegte sich nicht. Seine Hände ruhten in etwas Warmem, Glitschigem. Panisch rappelte er sich auf und starrte fassungslos im fahlen Licht auf seine Arme: Sie waren von ihrem Blut getränkt. Eine rote, schmierige Pfütze breitete sich langsam unter ihr aus. Fassungslos zog er sich vor ihr zurück und betrachtete sie entgeistert.

Das, das darf doch nicht wahr sein ... Das wollte ich nicht! Oh bei allen Hütern!“

Er schlug die Hände vor die Augen und sank in sich zusammen. Dann drang jedoch ein vertrautes Geräusch an seine Ohren: Sie atmete. Sofort war er bei ihr und tastete nach ihrem Puls. Er fühlte sich kräftig und schnell an. Verunsichert versuchte er, im Dämmerlicht etwas zu erkennen. Da bewegte sie sich und schlug die Augen auf.

Autsch. Musste das sein? Oh ... Was … Wo sind wir? Was ist denn passiert?“

Nicht bewegen! Hörst du, du bist verletzt, du blutest. Bleib ruhig. Hast du Schmerzen?“

Eigentlich, nein, nicht wirklich, wo blute ich denn?“

Sie blickte suchend an sich hinunter. Als sie die immer größer werden Lache unter ihrem Rücken entdeckte, stieß sie einen spitzen Schrei aus und sprang auf. Karim griff beherzt zu, um sie aufzufangen, falls sie stürzen sollte. Doch sie stand sicher und blickte ihn aus großen Augen an. Er drehte sie vorsichtig mit dem Rücken zu der einzigen Lichtquelle, dem Loch etwa zwei Meter über ihnen. Ihre Kleidung war blutbesudelt, aber unversehrt. Er suchte verwirrt nach einer Wunde, wurde aber von Ginger unterbrochen, die wortlos an seinem Arm zupfte und mit weit aufgerissenen Augen auf den Boden starrte. Langsam drehte er sich um und folgte ihrer ausgestreckten Hand mit dem Blick.

In der widerlichen Pfütze bewegte sich etwas. Vorsichtig knieten die beiden auf dem Boden nieder. Was sie bei genauerem Hinsehen entdeckten, raubte ihnen den Atem. Die Flüssigkeit stammte aus keiner Wunde. Dort, wo sie gelandet waren, lagen zerdrückte Schalen im blutgetränkten Dreck. Eierschalen. Und inmitten der Verwüstung wand sich ein kleiner Körper, kaum größer als eine Katze …

Sie erkannten vier Beine, einen schrumpeligen Körper, einen langen Schwanz und verrunzelte Flügel. Die Augen auf dem winzigen Drachenkopf waren noch von einer durchsichtigen Schicht überwachsen, die Schuppen nur andeutungsweise vorhanden. Auf den unproportional großen Füßen waren die ersten, weichen Ansätze für die Krallen zu sehen. Der Eizahn auf der Schnauze sah weich und unvollkommen aus. Ebenso die Flügel.

Ginger stiegen die Tränen in die Augen. Dieses Drachenkind war noch nicht einmal vollständig entwickelt, da hatten sie es getötet. Seine Bewegungen wurden langsamer, es konnte ja noch nicht einmal richtig atmen. Vorsichtig streckte sie den Arm aus und strich mit bebenden Fingern über das feuchte Köpfchen. Einer unbewussten Reaktion folgend versuchte dieses winzige Leben, den Kopf der Berührung entgegenzustrecken. Dann lief ein Zittern durch den zerbrochenen Körper und es lag still. Sie hörte Karim neben sich schwer schlucken und konnte den Blick nicht von der kleinen Kreatur wenden. Obwohl es blutverschmiert und unvollkommen war, fand sie es märchenhaft schön.

Nach einigen endlos erscheinenden Minuten ergriff Karim wortlos ihre Hand und zog sie mit sich in die Höhe. Beide blickten sich suchend um. Im kargen Lichtkegel erkannten sie das restliche Gelege. Ungläubig zählte Ginger die rauen, kalkweißen Eier, die in der endlosen Zeit, die sie hier wohl schon lagen, mit allerlei Flechten und braunen Algen überwuchert waren. Sie waren kaum vom bewachsenen Fels zu unterscheiden. Sie entdeckte 19 Eier. Staunend brachten beide kein Wort heraus, ein ehrfürchtiges und respektvolles Gefühl breitete sich in ihnen aus. Die Magie, die die Eier ausströmten, war beinahe mit den Händen greifbar.

Die Höhle war nicht besonders groß. Etwa zehn Schritte breit und fünfzehn lang. Zögerlich machten sie sich auf die Suche nach einem Ausgang. Karim fand einen verwitterten Stock und entzündete eine Fackel mit seinem Feuerstein. Sie hatten versucht, Licht mit Magie erscheinen zu lassen, es war ihnen beiden nicht gelungen. Diese Höhle hatte ihre eigene Magie. Die hektisch flackernde Flamme tauchte die Felsen in gespenstisches Licht und hinterließ tanzende Schatten auf ihren Gesichtern.

Jetzt wissen wir zumindest, warum Luresh gerade uns heimsucht. Seine ... Moment, ihre Jungen werden bald schlüpfen. Es war so winzig. Ich kann nicht glauben, dass wir es getötet haben“, hauchte Karim. „Ich wüsste gerne, wie sie die Eier hier überhaupt hineinlegen konnte.“

Vielleicht hat sie die Eier dort vergraben, also von oben hineingelegt. Wie eine Schildkröte oder so.“

Ginger seufzte laut auf und blickte Karim beschämt an.

Was ist überhaupt passiert? Ich erinnere mich nur daran, dass wir geübt haben.“

Er schilderte ihr ihren unheimlichen Zustand und ihren Sturz in die Höhle.

Irgendetwas stimmt mit deiner Magie nicht. Du hast sie zu wenig in der Hand und scheinbar kann sie die Kontrolle über dich übernehmen. Das ist ungewöhnlich. Ich weiß nicht, was es bedeutet, vielleicht kommt es auch nur daher, dass du dich in deinem Alter erst damit beschäftigst, während wir bereits als Kinder damit aufwachsen. Aber ich weiß, dass es gefährlich ist, du solltest wirklich vorsichtig sein!“, sagte er in eindringlichem Tonfall. Sie nickte wortlos. Im unruhigen Schein der Fackel sah ihr Gesicht seltsam verzerrt aus. Nebeneinander tasteten sie sich vorsichtig Schritt um Schritt vorwärts. Da die Höhle nicht sehr groß war, fanden sie bald einen Weg nach draußen. Gebückt schlichen sie hintereinander den schmalen Spalt im Fels entlang.

Das unverkennbare Rauschen eines Baches ließ sie zuversichtlich schneller gehen. Schließlich erreichten sie in der Schlucht, die Ginger bereits bei ihrem ersten Ausflug in den Wald entdeckt hatte, das Tageslicht. Erleichtert richteten sie sich auf und blinzelten dankbar ins grelle Sonnenlicht. Der Spalt war von dieser Seite kaum im zerklüfteten Felsen erkennbar. Karim seufzte hörbar auf. Dann verdüsterte sich seine Miene.

Und nun? Was sollen wir tun? Ich habe keine Vorstellung davon, was sie mit den Eiern machen werden, wenn wir es in der Stadt erzählen. Ich weiß nicht mal, was ich mir für die Eier wünsche. Einerseits denke ich, es wäre das Beste, die Mutter mit ihren Jungen zu vereinen, da sie dann wohl die Stadt in Ruhe lässt. Aber wie sollen wir das anstellen? Andererseits können wir nicht zulassen, dass sie schlüpfen. Stell dir vor was passiert, wenn sich hier wieder junge Drachen ansiedeln? Setoira und Morheba werden das niemals zulassen, es muss geradezu zu einem Krieg führen.“

Ginger wusste keine Antwort. Mit gesenktem Blick stand sie neben ihm und grübelte verzweifelt. Dann machten sie sich auf den Weg nach Hause. In Gedanken versunken gingen sie den Bach entlang.

Wir sollten abwarten. Es dauert mit Sicherheit noch einige Zeit, bis die Jungen wirklich schlüpfen. Und nach dem letzten Angriff ist der Oktran sicher noch aufmerksamer. Ich würde gerne erst mal herausfinden, wie Redorin und die anderen den Drachen insgesamt gegenüberstehen. Im Moment weiß ich einfach gar nicht, was wir tun sollten. Ich bin selber noch ganz durcheinander. Ich meine, von den Eiern geht eine gewaltige Gefahr aus, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, sie einfach so zu erschlagen, bevor sie eine Chance auf das Leben haben. Es fühlt sich einfach von Grund auf falsch an, verstehst du was ich meine? Außerdem würde Luresh vermutlich vollkommen ausrasten, wenn wir das tun“, machte Ginger ihren Überlegungen Luft.

Dann wurden ihre Augen groß: „Ohje, was wenn sie gespürt hat, dass wir eines ihrer Jungen getötet haben?“

Karim zuckte nur hilflos mit den Achseln. Langsam näherten sie sich dem Ausgang der Schlucht. Gerade hatten sie den Waldweg erreicht, als das Horn erklang. Wie vom Blitz getroffen fuhren beide herum und suchten erschrocken den Himmel ab.

Verdammt! Ich wusste es, zurück in die Höhle, sofort!“, zischte Ginger.

Sie drehte sich um und rannte los ...