Leseprobe 6 - am Fuße Sors

 

 

Am Fuße Sors

 

 

Immer wieder blickte sie sich ängstlich um. Sie wusste nicht, was sie suchte, vielleicht flüchtete sie auch vor etwas? Sie wusste es einfach nicht. Ihre Gedanken spielten Streiche mit ihr, das musste es sein. Bilder huschten an ihr vorüber, Stimmen und Gefühle, die gar nicht zu ihr gehören konnten. Sonst würde sie sich doch erinnern … Seit Tagen irrte sie in dieser kargen, trostlosen Landschaft umher. Sie schlief auf verkrüppelten, blattlosen Bäumen und Felsen, wagte nicht, sich auf dem Boden auszustrecken. In der ersten Nacht hatte sie es getan. Aus der Dunkelheit hatte sie das Tappen von Pfoten gehört, war aufgesprungen und fortgelaufen, wovor wusste sie nicht. Aber es war hinter ihr her, jede Nacht glaubte sie, die samtenen, todbringenden Schritte unter sich zu hören.

Ihre Zunge klebte trocken und geschwollen an ihrem Gaumen. Sie wusste nicht mehr, wo sie damals die kleine Quelle gefunden hatte. Der narbige Stumpf, der aus ihrer Schulter wuchs, und wohl irgendwann ein Arm gewesen war, brannte und pochte schmerzhaft. Die schwelende Wunde war aufgebrochen und nässte durch den dreckigen Verband, den sie von Mal zu Mal fester zuband. Immer wieder musste sie sich kurz setzen, um zu Atem zu kommen und die schwarzen Schatten vor ihren Augen zu vertreiben.

Sie wischte sich über die schmerzenden, trockenen Augen. Pilze! In der feuchten Felsnische vor ihr wuchs eine Hand voll hellbrauner Pilze. Ohne zu zögern kniete sie sich auf den Boden und steckte sich die schwammigen Dinger in den Mund. Obwohl ihr das Kauen schwer fiel, würgte sie die erste Nahrung seit Tagen hastig hinunter. Sie aß alle und lehnte sich dann schwer atmend an den Felsen. Jetzt war ihr Mund noch trockener, ihre Kehle brannte. Sie brauchte Wasser. Stolpernd und wankend schleppte sie sich weiter. Als sie zwischen den Felsen hinaustrat und in der Ferne das saftige Grün von Bäumen sah, war sie kurz versucht, darauf zu zu laufen. Doch sie durfte nicht. Der dünne Rauch, der sich hinter den Bäumen in den Himmel kräuselte, verbot es ihr. Warum eigentlich?

Sie machte einige unbeholfene Schritte darauf zu. Sofort fühlte sie sich, als liefe sie durch zähes Wasser, als weigerten sich ihre Füße, diese Richtung einzuschlagen. Ihr Herz schlug schneller, in ihrem Kopf breitete sich ein stechender Schmerz aus und vor ihren Augen explodierten grelle Lichtblitze. Fast automatisch wandte sie sich wieder um und trat zurück zwischen die Felsen. Sie musste hier weitersuchen, durfte nicht auf den Rauch zugehen …

Mittlerweile war sie zu schwach, um zu gehen. Auf allen Vieren kroch sie voran und fürchtete die langsam einbrechende Dämmerung, da sie wusste, dass sie es nicht mehr schaffen würde, auf einen der großen Felsen zu klettern. Sie versuchte, die Erinnerung an die schleichenden Schatten und die glühenden Augen zu vertreiben. Sie kam kaum voran, weil ihr verbliebener, gesunder Arm immer schwächer wurde. Ihre Muskeln brannten wie Feuer und begannen langsam zu zittern. Ihre Handfläche und ihre Knie bluteten mittlerweile und hinterließen eine rote Spur im Sand. Plötzlich wandte sie den Kopf, sie hörte etwas.

Hektisch kroch sie darauf zu, Tränen der Erleichterung liefen über ihre dreckigen Wangen und verfärbten sich blutrot, als sie in den kupferfarbenen Sand tropften. Sie hatte eine Quelle gefunden! Gierig ließ sie sich auf den Bauch sinken und steckte ihren Kopf in das kostbare Wasser. Sie trank zu schnell und zu viel. Als sie sich aufrichten wollte, kippte sie zur Seite und musste sich heftig übergeben. Zitternd und keuchend lag sie danach auf dem Boden, schnappte nach Luft und wischte sich schwach das Gesicht ab. Sie rollte sich mühsam herum und trank erneut, diesmal langsamer und weniger, obwohl ihr ausgezehrter Körper nach mehr lechzte. Sie stopfte sich einige Hände voll von den bitteren, büscheligen Algen in den Mund, die in der Quelle wuchsen, rollte sich zusammen und schlief völlig erschöpft ein.

Sie hatte wohl nur kurz geschlafen. Als sie erwachte, war die Nacht noch nicht ganz hereingebrochen. Etwas gestärkt beugte sie sich über das Wasser und betrachtete ihr verzerrtes Spiegelbild im Halbdunkel. So sah sie also aus … Betroffen betastete sie die Narben an ihrem Hals und begann halbherzig, sich das Gesicht zu waschen. Sie trank ein weiteres Mal und aß noch mehr von den Algen, obwohl sie mittlerweile von schmerzhaften Bauchkrämpfen gequält wurde. Kurz überlegte sie, ob die Pilze möglicherweise giftig gewesen waren.

Ein plötzliches Geräusch hinter ihr ließ sie hochschrecken. Sie presste sich mit dem Rücken gegen den kalten Fels und starrte in die aufkommende Dunkelheit, aus der sie schwere Schritte hörte. Anders als die, die sie in der Nacht nicht schlafen ließen, doch nicht weniger bedrohlich. Panisch drehte sie sich um und versuchte zitternd, den massiven Felsen vor ihr hinauf zu klettern. Sie wagte nicht sich umzublicken und sah den Schatten nicht, der auf sie zuschoss und sie von der Wand riss. Sofort wurde es schwarz um sie.