Mauretanien III - Kastrationsprojekt

Reisebericht Mauretanien September 2015

Mini-Kastrationsprojekt

Im September 2015 wurde ich von einer deutschen Dame aus Mauretanien (Frau M.) eingeladen, um gemeinsam mit meinem Team vor Ort auf einem Firmen - Gelände alle anwesenden Katzen zu fangen, gegen Tollwut zu impfen und zu kastrieren. Die Katzen waren fleißig dabei, sich zu vermehren, und die Kapazität der Dame, sie alle zu versorgen, wäre bald erschöpft gewesen. Frau M. kümmert sich seit ihrer Ankunft in MRT liebevoll und fürsorglich um die Tiere, füttert sie und sorgt dafür, dass sie ärztliche Betreuung erhalten, sollte es nötig sein. Leider hat sich die Situation vor Ort kaum verändert seit ich das Land verlassen habe, und gute Tierärzte sind … naja… schwer zu finden. Ebenso schwer kommt man an gutes medizinisches Material.

Mein Kollege und Freund, der junge Tierarzt Abdalahi Gaye, arbeitet im Moment einige Stunden entfernt für ein Hilfsprojekt der UN an der Grenze zu Mali, und hat leider auch nicht Alles an Material, was er für die OP’s gebraucht hätte.

Also habe ich alles Notwendige mitgebracht und er ist extra für diese Zeit nach Nouakchott gekommen. Für die schwierigen OP’s stand uns wieder meine liebe Freundin und Mentorin, die irische Tierärztin J. zur Seite. Natürlich durften wir helfen und haben wieder jede Menge gelernt...
So haben wir uns erstmal vor Ort orientiert und die Aufenthaltsorte aller Katzen herausgefunden, die zum Glück schon zu festen Fütterungsplätzen kamen. Manche davon waren bereits handzahm, bei anderen sollte es wirklich spannend werden, sie auf den OP-Tisch zu kriegen.

Hier eine kleine Vorstellung der interessantesten/kniffligsten Fälle:

Zuerst war da Kater Poppeye - das größte Sorgenkind. Er schlug sich seit langer Zeit mit einem entzündeten Auge herum, das bereits völlig nutzlos geworden war und nicht mehr von alleine abheilen konnte. Ich kannte ihn noch vom letzten Jahr, leider haben wir ihn damals nicht erwischt um sein Auge zu behandeln. Bereits damals lief Eiter aus seinem rechten Auge... Also eine lange und sicher schrecklich schmerzhafte Geschichte, mit der sich der arme Kerl schon lange herum geschlagen hat. Das Beste, das wir tun konnten, war das Auge - bzw. das, was davon noch übrig war - vollständig zu entfernen.

Dazu mussten wir ihn allerdings erst einmal erwischen, denn er gehört zu denjenigen, die zwar gern zum Fressen kommen, aber dann sofort fauchend abzischen, wenn man versucht, ihnen nahe zu kommen. Zum Glück stehen auf dem Gelände große Geräteschuppen aus Metall, in die Frau M. manche Katzen hinein gewöhnt hat, um zu fressen. Also mussten wir "nur" die Türe hinter ihm schließen und ihn einsacken. Das hieß im Klartext: in die Höhle des Löwen, dann mit meinem Kescher das fauchende und spuckende kleine Monster einfangen, mit den dicken Lederhandschuhen fixieren und sofort das Narkose-Mittel spritzen...

Der Kescher hat sich als sehr hilfreich erwiesen, aber leider als wenig stabil. Die ersten zwei Katzen haben mir das normale Netz sofort zerrissen, also habe ich ihn am Markt in Nouakchott mit fast unzerreißbaren Fischernetz verstärkten lassen. So war er wirklich stabil und auch größer, was die Arbeit enorm erleichtert hat.

                                       

Und ja, ich habe großen Respekt vor einer Katze, die WIRKLICH nicht angefasst werden möchte. Sie entwickeln unglaubliche Kräfte und die Bisse und Kratzer können katastrophale Folgen haben. Ohne den Kescher und die Handschuhe hätte ich mich auf keinen Meter heran gewagt... Aber wir waren ja zum Glück gut vorbereitet und alles hat geklappt. Poppeye war schnell im Netz und dann auch gleich im Tiefschlaf.

                                   

Nach kurzer Inspektion war klar, das Auge ist nicht mehr zu retten. Also haben wir operiert - J. hat tolle Arbeit geleistet. Die Wunde wurde schließlich sorgfältig mit saugfähiger, selbstauflösender Gaze gefüllt und zugenäht, die Mieze mit Schmerzmitteln, Antibiotika und Entzündungshemmern versorgt und dann einige Tage bei uns unter Beobachtung gestellt.

     

Er fand das leider gar nicht witzig, drinnen sein zu müssen. Also haben wir ihn bald wieder raus gelassen. Dann war er einige Tage verschwunden, vmtl war er ziemlich beleidigt und hatte auch Schmerzen. Aber da er nicht zum Fressen kam, konnte ich ihm leider keine weiteren Schmerztabletten geben.. :( aber nach 4 Tagen war er wieder mit Appetit zurück und hat sich seitdem super entwickelt.

                                             

Er ist sogar ein Stückchen zutraulicher geworden. Vielleicht hat er doch irgendwie gemerkt, dass wir gar nicht so böse sind... Hauptsache ist jedoch, dass er jetzt endlich schmerzfrei leben kann :)

Ein weiterer Erfolg war Kätzin "Gina"... auch eine ganz Scheue Dame, die schon die stolze Mutter zweier Kätzinnen war, die sich zum Glück anfassen ließen, sodass es ein Einfaches war, die beiden Kleinen zu fangen und zu kastrieren.
Mama Gina allerdings ein wahres kleines Biest, dem man nicht zu nah kommen brauchte. So war es auch ein wahrer Hexentanz, sie einzufangen. Wir hatten mal wieder Glück und konnten einen Bauschutt-Container als Falle umfunktionieren.

                                           

Der Hunger hat sie hineingetrieben und einmal im Kasten konnte ich sie mit dem Kescher fixieren und wir haben sie auch sofort betäubt. Bei ihr war nur die Kastration, die Impfung und die Entwurmung zu machen, also nichts Wildes. Dafür war die Zeit spannend, die wir sie drinnen unter Beobachtung hatten - wir mussten sie letztlich in die Dusche sperren, weil sie sonst die Einrichtung zerlegt hätte.

                                                 

Wir waren alle erleichtert- sie vmtl am aller meisten - als sie wieder nach draußen durfte... Die zwei Töchter - "Nina und Tina" - haben wir anfangs gleich kastriert und sie dann eine Weile im Haus behalten, wo sie einen riesen Spaß mit der Einrichtung hatten. Selbstgestrickte Socken sind scheinbar ein wahnsinns Spielzeug... <3

                       

                                                                                                        Op-Wunde nach einem Tag. Schön, oder? :)

 

                                        

 

Ein weiteres Problemkind war Kater "Pierre"... Eigentlich ein richtig süßer Kerl. Er hatte jedoch neben seinen noch intakten Kronjuwelen leider auch noch massiven Milben-befall, sodass sein Rücken und sein Schwanz bereits aufgekratzt, wund und teils blutig waren.

             

Wir haben ihn nach 4 nervenaufreibenden Tagen endlich in der Falle gehabt. Leider ist er total panisch geworden und hat sich einige Kratzer im Gesicht zugezogen, als er gegen die Gitter-Wände gesprungen ist. Aber wir hatten keine Wahl, er hat sich auch vorher nie anfassen lassen und wäre uns sicher nie wieder in die Falle gegangen. Also konnten wir nicht zögern oder ihn gleich wieder freilassen - wir mussten handeln: mit dem Kescher in die Falle, fixieren, spritzen - operieren. Wir haben ihn - genau wie auch alle anderen Katzen - gründlich gegen Würmer und Milben behandelt, und eben kastriert und geimpft. Und seine Kratzer mit Wundsalbe versorgt. Ihn mussten wir bereits nach einem Tag wieder nach draußen lassen, er war leider total verstört in den "sicheren" 4 Wänden. Aber nach zwei Tagen war er wieder an seiner Futterstelle und hat mit Appetit gefressen. Also kann man auch unter diesen Fall ein erfolgreiches Häkchen setzen...

 

Diese drei kleinen Kater, sowie ihre Mutter, waren sehr viel einfacher zu erwischen. Alle 3 Jungs sind richtige Schmusetiger und die Mama-Mieze ist auch handzahm. Den kleinen Schwarz-grauen hätte ich am liebsten mit nach Hause genommen. Ich finde die Farbe aussergewöhnlich schön, und er ist auch charakterlich wahnsinnig süß. Als Aufwach-Zimmer hat die Gästedusche gedient. Hier hatten wir alle Katzen einige Tage unter Beobachtung, so dass wir sicher sein konnten, dass sie alle die Operationen gut überstanden haben.

                        

 

           

 

             

 

Wir haben allen Katzen die Spitze eines Ohres abgeschnitten (natürlich während sie noch in Narkose waren, und nur die äußerste Spitze), als Kennzeichnung, dass sie bereits kastriert sind. Halsbänder halten leider nicht lange genug, und sind bei Katzen, die nur draußen leben, viel zu gefährlich.

             

 

Hier seht ihr unseren improvisierten OP-Bereich. Aber eigentlich ist es ein richtiger Luxus, in diesem Land auf einer sauberen Fläche und mit gutem Licht arbeiten zu können. Gaye war richtig begeistert, da er normalerweise draußen mit Vieh-Herden auf dem Land arbeitet. Dort ist es beinah unmöglich steril zu arbeiten. Aber wir hatten wirklich Glück mit unserem temporären Arbeitsplatz.

             

So haben wir nach und nach alle Katzen eingefangen, operiert, versorgt, und wieder auf dem Gelände frei gelassen. Alle haben die Operationen und die Impfungen sehr gut überstanden. Alle Op-Wunden sind komplikationslos verheilt und den Katzen geht es bis heute gut. Frau M. berichtet mir immer wieder von ihrer tierischen Familie. Ich bin ihr sehr dankbar für die tolle Zusammenarbeit und ihre große Gastfreundschaft.

                                       

 

 

Ich konnte auf der Reise auch Lally und Zebulon besuchen :) „Lally“ – eine Hündin die als Welpe von einer Bekannten adoptiert wurde, aber dann einfach wieder auf die Straße gesetzt wurde, konnten wir schon 2013 an eine liebevolle französische Familie vermitteln. Diese Familie hat dann auch den kleinen Welpen „Zebulon“ adoptiert, der durch Batteriesäure eine Pfote verloren hatte, und dem wir den restlichen Stumpf amputieren mussten (damals hat Dr. Vet. Med. Facharani die OP gemacht, da er zufällig für das Eselsprojekt in Mauretanien war).  
 

       

                                      

Beiden geht es wunderbar, und Zebulon hat mich überraschenderweise sogar erkannt, was ich nie erwartet hätte. Fremde knurrt er normalerweise an - er lässt sich von niemandem anfassen der nicht Teil der Familie ist. Ich war unendlich glücklich, ihn gesund und munter zu sehen. Sein Bein scheint ihm keine Probleme zu bereiten, er spielt und tobt im Garten mit Lally und den Kindern um die Wette, wie ein ganz "normaler" Hund. Für solche Erfolgsgeschichten lohnt sich diese Arbeit so sehr!

                 

 

Mein persönliches Highlight war allerdings die längst überfällige OP von Chica, meiner kleinen geliebten Prinzessin – unserer zweiten Hündin, die wir während meines langen Aufenthalts vor Ort aufgenommen hatten. Ein unendlich lieber und anständiger Hund. Ich hab mich so gefreut, sie zu sehen, und sie hat sich ebenso gefreut... Sie lässt sich untersuchen, spritzen, betasten, nachuntersuchen etc. ohne zu zucken oder zu mucken - auch die tägliche Wundkontrolle war eine Freude mit ihr. Ein Traum-Hund.. ich bin so unendlich dankbar, dass sie ein tolles Zuhause und eine liebevolle Familie hat... Danke B.!! <3 <3


Wir hatten denkbar schlechtes Timing mit der OP, da Chica im Anfangsstadium ihrer Läufigkeit war. Normalerweise operiert man dann nicht, da das Gewebe zu stark durchblutet ist. Wir hatten jedoch keine Wahl mit dem Termin. Aber J. hat es souverän gemeistert und ich bin ihr wahnsinnig dankbar, dass alles gut ging. Ich kann niemandem beschreiben wie froh ich bin, solche Freunde und Lehrer zu haben. Auch diesmal habe ich wieder sehr viel gelernt...

 

                       

Noch eine weitere Erfolgsgeschichte ist Kätzin "Bunny". Wir mussten ihr bei meinem ersten Mauretanien-Aufenthalt ein Hinterbein und den Schwanz amputieren, da ihr irgendwie beides unter der Motorhaube eines Autos beim Start abgerissen wurde. Die Wunden waren schwer infiziert und es gab keine andere Möglichkeit. Ihre Chancen waren wirklich klein, da sie sehr jung und sehr schwach war. Doch war/ist eine kleine Kämpferin, hat die Operation überraschend gut überstanden und hat sich zu einer wunderschönen und lieben Katzendame gemausert. Ich bin sehr stolz auf die kleine Maus. Und sie hat bei Frau M. ein dauerhaftes Zuhause gefunden, wo sie sorgenfrei leben kann. 

                  

   

 

Natürlich muss sie ganz genau kontrollieren, was in ihrem Königreich passiert. So hat sie mich treu begleitet, wenn ich versucht habe, die anderen Katzen kennenzulernen / einzufangen.

 

Ein recht interessanter Fall war die junge Kätzin "Little-Wuz" einer Freundin, die scheinbar nur einen einzigen Eierstock hatte. Mit der normalen Operations-Technik war der zweite nicht aufzufinden. J. hat ihn jedoch trotzdem gefunden, stark unterentwickelt und nur 1/5 so groß wie der normale auf der anderen Seite. Gut, dass sie ihn doch gefunden hat, sonst hätte auch dieses kleine unterentwickelte Organ hormonell aktiv sein können, sodass sie Katze weiterhin rollig hätte werden können oder sogar noch schwanger hätte werden könnte, wobei dann Komplikationen sehr wahrscheinlich gewesen wären, da auch das Gebärmutterhorn verkümmert und winzig war.

 

Insgesamt war das Projekt ein voller Erfolg. Es war schön, Mauretanien wieder zu besuchen und meine Freunde (zweibeinig und vierbeinig) vor Ort zu sehen. Ich habe sogar einige Straßenhunde wieder gefunden, die ich noch kannte, und die mich auch noch kannten. Schön, dass auch solche Freundschaften bestehen bleiben. Und es ist ein tolles Gefühl, etwas Nützliches zu tun und ein Projekt erfolgreich zu Ende zu bringen.

Ich bin unendlich dankbar, dass ich Familie & Freunde haben, die mich auf diesem Weg begleiten, die mich bei den Projekten unterstützen und von denen ich so viel lernen darf. Solche Erfahrungen bestärken mich sehr darin, dass ich auf dem richtigen Weg bin und darin, dass ich mit dem Tiermedizinstudium die einzig richtige Richtung eingeschlagen habe.

 

 

Und zum Abschluss dieser kleinen Odyssee in die Wüste: ein Beispiel wie es nicht laufen sollte... Die Schwester von Hund "Zebulon", dem wir damals die Hinterpfote amputieren mussten, wurde leider bisher nicht kastriert. Sie trägt jetzt den schönen Namen "Kira" und hat bei ihrem ersten ungeplanten Wurf 12 (!!) Welpen bekommen, weil es ihr natürlich geglückt ist, bei ihren regelmäßigen Auslauf auszubüxen, als sie läufig war. So süß die Kleinen auch sind, es ist verantwortungslos eine Hündin mit Freilauf (Chica kommt nie nach draussen, sie ist immer im Garten - aber auch bei ihr waren wir eigentlich viel zu spät dran) nicht zu kastrieren, da man den Nachwuchs kaum irgendwo unterbringen kann.... Bitte denkt immer daran, mit so Etwas vernünftig umzugehen und rechtzeitig zu kastrieren!!